CDU/CSU/SPD-Koalition zementiert Gottesstaat Deutschland

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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Dez 19, 2013 11:05 am

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hpdHumanistischer Pressedienst

16.12.2013 - Nr. 174295

POLITIK

[ CDU/CSU und SPD ]

Kommentar

Koalition zementiert Gottesstaat Deutschland

KÖLN. (hpd) Nachdem nun die Parteimitglieder der SPD dem Koalitionsvertrag zugestimmt haben und damit die große Koalition zustande kommt, lohnt es sich, den Koalitionsvertrag auch in Hinblick auf die Kirchen und die Religionsgemeinschaften etwas genauer anzusehen. Was da steht ist geradezu erschreckend rückwärts gerichtet.

Ungeachtet der Skandale der letzten Jahre und der massenhaften Austritte der Gläubigen hält man hier an den alt­her­gebrachten Privilegien der Großkirchen und ihren engen Verknüpfung mit dem Staat fest.

Bereicherung durch religiöse Werte

Im Koalitionsvertrag CDU/CSU/SPD steht zum Thema Kirchen und Religionsgemeinschaften (S. 113): "Wir werden den Dialog mit den christlichen Kirchen, Religionsgemeinschaften und religiösen Vereinigungen sowie den freien Weltanschauungsgemeinschaften intensiv pflegen. Sie bereichern das gesellschaftliche Leben und vermitteln Werte, die zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft beitragen. Wir bekennen uns zum Respekt vor jeder Glaubensüberzeugung. Auf der Basis der christlichen Prägung unseres Landes setzen wir uns für ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Miteinander in Vielfalt ein."

Zu den Bereicherungen des gesellschaftlichen Lebens gehören auch so schöne Dinge wie z.B. die systematische religiöse Indoktrination von Kindern, die Diskriminierung von Homosexuellen, die Diskriminierung von Frauen im Islam und die Genitalverstümmelung von Knaben im Islam und im Judentum. Wie kann man sich auf der Basis der christlichen Prägung für ein gleichberechtigtes Miteinander einsetzen, wenn gerade diese Basis dem Miteinander völlig im Wege steht? Bedeutet dieses gleichberechtigte Miteinander, dass alle, auch die Nichtgläubigen, das Christentum mitfinanzieren müssen? Das ist eine recht merkwürdige Auffassung von Gleichberechtigung.

Respekt ist etwas, das man sich verdienen muss. Vor irrationalen, naiven Weltanschauungen, die letztlich vor allem Elend und Hass gegenüber Andersdenkenden auf diesen Planeten gebracht haben, braucht man keinen Respekt haben, sondern man muss sie kritisch hinterfragen und in ihre Schranken verweisen, wenn sie Menschenrechte missachten.

Als zentraler Wert des Christentums wird häufig die Nächstenliebe genannt. Doch der Glaube hat nach wissenschaftlichen Untersuchungen keinen wesentlichen Einfluss auf dieses Gefühl. Es ist vielmehr Folge der frühkindlichen Behandlung durch die Kontaktpersonen und wird im höheren Alter durch den Hormonhaushalt gesteuert. Die Behauptung, dass Christen mehr Nächstenliebe empfinden als Nichtgläubige, ist reines Wunschdenken und eine allerdings recht erfolgreich ausgeklügelte Propagandamasche, auf die auch ansonsten eher skeptische Menschen immer wieder hereinfallen.

Ohne Kirchen bricht unser Sozialsystem restlos zusammen!

Im Koalitionsvertrag heißt es weiter: "Die christlichen Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände sind in vielen Bereichen unserer Gesellschaft unverzichtbar, nicht zuletzt im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, bei der Betreuung, Pflege und Beratung von Menschen sowie in der Kultur. Zahlreiche Leistungen kirchlicher Einrichtungen für die Bürgerinnen und Bürger sind nur möglich, weil die Kirchen im erheblichen Umfang eigene Mittel beisteuern und Kirchenmitglieder sich ehrenamtlich engagieren. Wir halten daher auch am System der Kirchensteuern fest, damit die Kirchen Planungssicherheit haben. Nur so können sie die eigenfinanzierten Leistungen zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes weiter sicherstellen. Zugleich wollen wir die kirchlichen Dienste weiter unterstützen. Dabei achten wir die kirchliche Prägung der entsprechenden Einrichtungen."

Ohne die christlichen Wohlfahrtsverbände, die fast vollständig von den Steuerzahlern finanziert werden, wäre unser Sozialsystem wahrscheinlich eher effektiver und vor allem würden deren Mitarbeiter bessere Arbeitsbedingungen und die vollen Arbeitnehmerrechte haben. Nach den Vorstellungen der Koalition sollen offenbar auch künftig Mitarbeiter, deren Privatleben nicht den mittelalterlichen Moralvorstellungen der Kirche entspricht, gefeuert werden können.

Intellektuelle Meisterleistung

Und damit wir wissen, was zum Luther-Jahr auf uns alle zukommt, wird ausgeführt: "Zum Gedenken an den weit über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus bedeutenden 500. Jahrestag der Reformation 2017 wird auch der Bund einen angemessenen Beitrag leisten. Dankbar stellen wir das Erstarken des jüdischen Lebens in unserem Land fest. Wir unterstützen die jüdischen Gemeinden und die jüdische Wohlfahrtspflege, zum Beispiel bei der Integration von Zuwanderern und dem Auf- und Ausbau von Bildungs- und Kultureinrichtungen."

Das ist nun wirklich eine intellektuelle Meisterleistung! Hier werden in zwei unmittelbar aufeinander folgenden Sätzen einerseits die Feierlichkeiten zu Ehren eines der übelsten Antisemiten seiner Zeit (Martin Luther) als unterstützungswürdig angesehen, und andererseits das Erstarken jüdischen Lebens dankbar festgestellt.

Zitat Luther:
"Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen...; Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, ... unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien (...) ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören." (Von den Juden und ihren Lügen, Tomos 8, S. 88ff).

Nun steht es natürlich der evangelischen Kirche frei, ihren hasserfüllten Gründer zu ehren. Aber warum sollen alle Steuerzahler diese Geschmacklosigkeit auch noch finanziell unterstützen?

Die Segnungen des Islam

Weiter geht es mit dem Islam: "Den vielfältigen Beiträgen muslimischer Vereine und Verbände zu unserem Gemeinwesen – etwa zur Integration muslimischer Zuwanderer und ihrer Nachkommen in unsere Gesellschaft, wie auch zum Dialog zwischen den Kulturen und Religionen – gilt unsere Wertschätzung und Unterstützung. In diesem Sinne wollen wir die Deutsche Islam Konferenz fortsetzen."

Viel sinnvoller wäre die Unterstützung der
Kritischen Islamkonferenz [ http://hpd.de/node/16405 ]. Dort werden endlich einmal die menschenverachtenden Auswüchse des Islam offen diskutiert. Für viele Politiker sind aber offenbar immer noch Frauendiskriminierung, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung und Steinigungen u. a. Teil einer Folklore, die man akzeptieren muss, weil man andernfalls befürchtet, in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Das ist auch daher "gefühlt" so leicht möglich, da von Seiten dieser Parteien bzw. zumindest ihrer führenden Vertreter, eine kritische Auseinandersetzung mit den immensen Privilegien der christlichen Kirchen (geschweige denn mit der Religion als solcher) nicht stattfindet, auch weil sie um den großen Einfluss der Kirchen wissen und aus machttaktischen Gründen den Konflikt scheuen.

Durch einen kritischen Umgang mit allen Religionen und deren Institutionen nähme man sowohl den Rechten, aber auch den Vertretern des islamischen Glaubens den Wind aus den Segeln, die in diesem Fall gern die Karte der Opferrolle ziehen. Noch wichtiger wäre es aber, zwischen Menschen und deren Religion, die jenen ja nicht selten auch nur angedichtet wird, zu unterscheiden.

"Eine offene Gesellschaft bietet im Rahmen der Verfassungsordnung allen Religionen den Freiraum zur Entfaltung ihres Glaubens."

Ja, vorausgesetzt sie wird nicht gezwungen, das Christentum und andere religiöse Gruppierungen über ihre allgemeinen Steuerabgaben mitzufinanzieren. Der Freiraum muss aber dort seine Grenzen haben, wo die Einhaltung der universellen Menschenrechte in Gefahr gerät.

Nur keine Privilegien abbauen!

"Das bewährte Staatskirchenrecht in unserem Land ist eine geeignete Grundlage für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften."

Bewährt hat es sich vor allem für die Amtsinhaber der Großkirchen, die sich auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben machen. Während sich der Papst in einem alten Kleinwagen herumkutschieren lässt, genehmigen sich unsere Bischofe und Kardinäle eher die automobile Oberklasse.

Bei dem Staatskirchenrecht bezieht man sich unter anderem auf den Reichsdeputationshaupt­schluss aus dem Jahr 1803. Diese Vereinbarung diente der Versorgung der damals lebenden, durch Enteignung kirchlicher Ländereien arbeitslos gewordener Geistlicher – eine Art üppiges "Hartz 4" auf Zeit. Meines Wissens sind diese Empfänger staatlicher Leistungen aber inzwischen verstorben, weitere eventuelle Ansprüche vermutlich vielfach abgegolten.

Aber wenn man schon so weit in die Vergangen­heit zurückgeht, um daraus Ansprüche abzuleiten, dann sollte man auch fragen, woher denn der bis dahin ange­häufte Reich­tum vor allem der katho­lischen Kirche kam. Man stellt dann unschwer fest, dass dieser mit über­wiegend kriminellen Methoden er­gaunert wurde. So stammt ein erheb­licher Teil des vatika­nischen Gold­schatzes von den Raub­zügen in Süd- und Mittel­amerika. Weitere erheb­liche Anteile stammen vom Ablass­handel und dem Ver­mögens­einzug von Opfern der Inqui­sition. Darüber hinaus ist die so genannte Konstan­tinische Schenkung, auf welcher ein erheblicher Teil an Macht und Ver­mögen der katho­lischen Kirche beruht, der vermutlich größte Betrugs­fall der Mensch­heits­geschichte.

Kriminelle Methoden werden bis in die heutige Zeit vom Vatikan fortgesetzt. Das Vermögen der Vatikanbank stammt teilweise aus Korruption, Geldwäsche und Waffenhandel.

Zusammenfassend muss man feststellen, dass die ganzen Skandale der Kirchen in den letzten Jahren und die zum Teil dadurch bedingte Austrittswelle von den beteiligten Parteien der großen Koalition völlig ignoriert werden. Selbst die Richtungsänderung im Vatikan scheint keinen Eindruck gemacht zu haben. Es wäre endlich an der Zeit, eine klare Trennung von Staat und Religion zu verwirklichen.

Stattdessen heißt es "weiter so" und bloß keine potentiellen Wähler verschrecken. Entsprechend dem bisherigen Politikstil der alten Regierung werden Probleme nicht gelöst, sondern auf die lange Bank geschoben. Auf lange Sicht wird sich das rächen, denn schon jetzt sind mehr als ein Drittel der Bevölkerung konfessionsfrei und dieser Anteil steigt rasant weiter an.

Bernd Vowinkel

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QUELLE: Humanistischer Pressedienst
( Seite 1 dieses Kommentars von Dr. Bernd Vowinkel ) @ http://hpd.de/node/17429
( Seite 2 dieses Kommentars von Dr. Bernd Vowinkel ) @ http://hpd.de/node/17429?page=0,1


Weitere relevante Kommentare, Artikel und Buchrezensionen von Dr. Bernd Vowinkel auch auf seiner eigenen Homepage @ http://berndvowinkel.wordpress.com/ .
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CDU/CSU/SPD-Koalition zementiert Gottesstaat Deutschland

Beitragvon Martin MITCHELL » Sa Mär 31, 2018 1:08 am

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FR - Frankfurter Rundschau, DONNERSTAG, 29. MÄRZ 2018

QUELLE: http://www.fr.de/politik/meinung/kolumnen/ostern-und-religion-trennung-von-kirche-und-staat-jetzt-a-1476280

Jetzt hier in Bezug auf den Zwang uns gefälligst religiösen Riten christlicher Glaubensgemeinschaften unterzuordnen. Solch ein Zwang besteht weiterhin für alle Bürger in der Bundesrepublik Deutschland.

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Frankfurter-Rundschau

Ostern und Religion

Trennung von Kirche und Staat - jetzt

An Ostern haben sich alle den religiösen Riten einer Glaubensgemeinschaft unterzuordnen. Daher irritiert, wenn christlich-soziale Vorturner dem Islam die Existenzberechtigung in Deutschland absprechen. Die Kolumne.

29.03.2018 12:36 Uhr

Von Katja Thorwarth [ Siehe @ http://www.fr.de/autor.=ktho/ ]

[ Hier erst einmal ein großes Foto der über drei Meter hohen tragbaren "Prügel-Nonne" im Demonstrationszug der Ehemaligen Heimkinder, am 15. April 2010, for dem Reichstagsgebäude / Bundestagsgebäude, unter deutscher Flagge, in Berlin.

Direkt unter dem Foto die Beschriftung:

Welche Rolle spielt die Kirche in der Gesellschaft? Nicht immer eine gute.“ „Foto: imago]


[ Das Original dieses Fotos is hier zu finden @ https://in.reuters.com/article/idINIndia-47728120100415 ]

Kaum ein christliches Fest greift so penetrant in den säkularen Alltag ein wie Ostern. Verlangt die Karwoche im Vorfeld die Haltung in Trauer und Stille nur von den Gläubigen, ist an Karfreitag gesamtgesellschaftlich Schluss mit lustig.

Den religiösen Riten ist sich gefälligst unterzuordnen, immerhin bringen es die Katholiken und Protestanten gemeinsam noch auf 45 505 000 eingetragene Mitglieder (2016). Da ist natürlich jeder Säugling und Entmündigte mitgezählt, und trotzdem verzeichnen beide statistisch beim Kirchenbesuch neue Tiefstände, wie die evangelische Nachrichtenagentur idea.de jammert. Macht nichts, was vor 200 Jahren richtig war, wird wohl in 2018 noch recht sein, weshalb sich auf Teufel komm raus die gesamten 82,8 Millionen anzupassen haben.

Wofür zahlen die Gläubigen denn Kirchensteuer, wenn sie nicht regelmäßig demonstrieren können, wer hier nach wie vor die ethische Deutungshoheit besitzt. Und die bezieht sich eben nicht auf die rationale Handlungspraxis nach dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants, die das eigene Handeln einer Prüfung der Allgemeingültigkeit unterzieht. Religionen rufen eine „göttliche“ Offenbarung als Quelle von Handlungsnormen auf, die sinnstiftend alleine deshalb ist, weil sie sich einer übergeordneten metaphysischen Geistlichkeit unterordnet.

Entsprechend erklären sich die zehn Gebote weniger aus dem gesunden Menschenverstand, als dass sie vielmehr als Rede „Gottes“ an die Schäfchen verkauft werden. Der duldet zunächst einmal keine anderen Götter neben sich, weshalb dem Verkünder den Rücken kehrt, wer auch nur eines seiner Gebote in Frage stellt. Dass es verwerflich ist, zu morden und zu stehlen, geschenkt. Hingegen den siebten Tag – und damit zwingend nach christlicher Lehre – den Sonntag als Ruhetag zum Gesetz zu erheben, ist so wenig rational fundiert wie das Tanzverbot an Karfreitag.

Pech: Islam ist weder evangelisch noch katholisch

Als Argument wird stets die Notwendigkeit der Ruhe postuliert, wobei die Kirche nach eigener Sinnstiftung den Rhythmus bestimmt. Für die innere Einkehr dürfte jedoch ein jeder für sich selbst Sorge tragen, solange er nicht unter dem Joch eines Sklaventreibers den göttlichen Zeigefinger für Freiräume benötigt. Wenn, wäre die Politik zuständig. Dann aber verbieten sich diesbezügliche religiöse Riten von selbst – und zwar sowohl christliche, islamische als auch scientologische.

„Es werden wohl noch zehntausend Jahre ins Land gehen, und das Märchen vom Jesus Christus wird immer noch dafür sorgen, daß keiner so richtig zu Verstande kommt“, hatte Goethe seiner und unserer Zeit voraus einst formuliert. Natürlich möge trotzdem derjenige, der eine sinnstiftende Göttlichkeit als Rahmen braucht, die eigene Handlungspraxis unterordnen – als Verhaltenszwang unter dem Deckmäntelchen einer moralischen Ethik ist sie dennoch untauglich.

Umso irritierender, wenn die christlich-sozialen Vorturner aus dem Bayerischen dem Islam seine Existenzberechtigung in Deutschland absprechen, weil der Islam weder katholisch noch evangelisch ist. Das ist einigermaßen dreist, maßen sich doch die Seehofers eine übergriffige Religiosität an, die auf das Kreuz im Klassenzimmer besteht, die Erzieherin mit Kopftuch aber am liebsten nach Anatolien ausweisen würde. Es ist schlicht eine Scheindebatte, die mit dem populistischen Gezeter einer Sechs-Prozent-Partei von der eigentlichen Aufgabe ablenkt: der De-facto-Trennung von Kirche und Staat.


Katja Thorwarth Redakteurin
Digitale Redaktion [ Siehe @ Zum Profil der Autorin [ Siehe @ http://www.fr.de/autor.=ktho/ ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Okt 17, 2018 4:38 am

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Kommentar

Reconquista in Deutschland

[ QUELLE: https://hpd.de/artikel/12583 ]

Von: Rolf Bergmeier

4. JAN 2016

Schlagworte:
Religionen, Staat und Kirche, Staat und Regionen


BERLIN. (hpd) Deutschland erstickt im kirchlichen Mief. Theologen und Pfarrer als Ministerpräsidenten oder Bildungsminister, das ist inzwischen Routine. Ein ostdeutscher Pfarrer als Bundespräsident kann die Deutschen nicht mehr erschüttern. Eine Pfarrerstochter aus der mecklenburgischen Provinz, die ausgerechnet den ehemaligen Vorsitzenden der judenfeindlichen Inquisitionsbehörde in höchsten Tönen lobt, als Bundeskanzlerin?

Erstmals in der Geschichte Deutschlands wird 2011 der Papst eingeladen, im Parlament zu sprechen und ein Strom audienzseliger Politiker ergießt sich in die Berliner Botschaft des Vatikans, einschließlich der Führer der einst so stolzen Arbeiterpartei. Betreiber dieser Einladung waren das Bundestagspräsidium mit Norbert Lammert, der sich sein Studium von der katholischen Cusanus-Stiftung hat finanzieren lassen, Wolfgang Thierse, der im Oktober 2011 den „Lieben Schwestern und Brüdern“ in der Gedächniskirche Berlin predigte, und Katrin Göring-Eckardt, Theologie-Studentin ohne Abschluß, die im Dunstkreis der Grünen ohne jegliche Berufserfahrung hochgekommen ist. Dazu passend die Besetzung des Bundesministers für Wissenschaft und Forschung mit einer katholische Theologin. Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin Theologin, der Wissenschaftsminister Theologe. In Rheinland-Pfalz eine ehemalige Grundschullehrerin für Religion als Ministerpräsident-Anwärterin der CDU.

Nicht weit davon entfernt, aus einem Eifeler Kaff, eine Bundesministerin für Arbeit und Soziales, die nie eine Werkbank gesehen hat und in der SPD „Jesus sucht“. Deutschlands Spitzenpolitiker müssen zwei Kernkompetenzen vorweisen: Partei- und Kirchentreue. Die beschworenen Verpflichtung auf das Gemeinwohl tritt an die zweite Stelle.

Amüsiert und entsetzt schaut man auf eine kirchenfromme Politikerkaste, die verantwortlich ist, dass in Deutschland das europäische Recht des Diskriminierungsverbotes im Bereich der Kirchen nicht durchgesetzt wird, dass Arbeiter und Angestellte in kirchlich geführten Einrichtungen nicht durch Gewerkschaften vertreten werden und Juden, Muslime und Nicht-Konfessionelle gezwungen werden, mit ihren Steuern die Gehälter christlich-kirchlicher Würdenträger zu begleichen. Unruhig schaut man auf eine Bundeskanzlerin, die anlässlich der Vorbereitungen zum Lutherjahr 2017 zu einer „missionarischen Komponente“ aufruft. Die zulässt, dass Bischöfe, die weder die erforderliche Expertise nachweisen können, noch demokratisch legitimiert sind, an Problemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Kernenergieausstieg herumdoktern.

Das hat es in Europa noch nie gegeben: Bischöfe befinden darüber, ob Kernenergie und erhöhter CO2-Ausstoß aus konventionellen Kraftwerken gesellschaftlich vertretbar sind.
Man bedenke: Die Regierung läßt nach der Entscheidung ihre Politik auf ethische Vertretbarkeit untersuchen! Ob eine solche Melange aus Missionierung und Parteipolitik angesichts einer wachsenden Zahl von Kirchenaustritten und Immigranten aus unterschiedlichsten Kulturkreisen den Parteien bekommt, mag dahingestellt bleiben. Aber einer Mittelmeerunion, dem innenpolitischen Frieden und dem Wohle der Wissenschaft und der freien Kulturentfaltung dienen diese Programme sicherlich nicht. Und der Freiheit des Denkens und dem Niveau politischer Auseinandersetzungen noch weniger. Beides hat ohnehin unter dem Bombardement von Schlagworten und dem überfallartigen Wechsel politischer und weltanschaulicher Positionen bedenklich gelitten. Selbst im Deutschen Ethikrat sitzen mehr Theologen als Philosophen, obwohl Ethik eine philosophische Domäne ist.

Niemals geschah so viel Unrecht

Es gibt Wahrheiten, die möchte man lieber nicht wahr haben. Eine dieser Wahrheiten ist, dass niemals in der Menschheitsgeschichte eine derart niederschmetternde Inszenierung von der grundsätzlichen Verworfenheit des Menschen auf die Bühne gebracht worden ist, wie die der christlichen Kirchen.

Niemals wurden Kleinstkindern eine nicht tilgbare Schuld für Vergehen ihrer Ur-Ahnen angelastet. Niemals in der Geschichte der Religionen wurde ein Gott gezeichnet, der eifersüchtig darauf achtet, dass man ihn tagtäglich lobt und der in grotesker Maßlosigkeit selbst kleinste Vergehen mit ewigen Strafen vergilt. Niemals wurde eine Ethikbilanz durch Pogrome, Zwangsbekehrungen, Bücherverbote, Ketzervertreibungen, Diskriminierungen, Religionskriege, Inquisitionen und die paranoide Überzeugung, Frauen seien unter satanischer Führung darauf versessen, weitere Opfer zu umzingeln und müssten daher verbrannt werden, derart verhagelt wie im Falle der christlichen Kirche. Niemals geschah so viel Unrecht.

Es ist kein Ruhmesblatt für die „Nation der Dichter und Denker“, dass im Fernsehen und in den Zeitungen über die offensichtlichen Widersprüche zwischen Ur-Lehre und Kirchen-Lehre, über die kirchliche Banalisierung komplexer Prozesse und über die Infantilisierung Gottes mit Geburt, Krippe und Mutter nur unter devoten Verbeugungen und mit vielen rethorischen Kratzfüssen gesprochen werden darf.

Konsterniert fragt man sich, ob die deutschen Politiker jemals etwas von griechisch-römischer Kultur und von der islamisch-arabischen Hochkultur zwischen 700 und 1400 gehört haben, der Europa so viel zu verdanken hat? Und: Kann man das verstehen, dass Politiker und Historiker nach Aufklärung und Humanismus, nach Sozialismus und Menschenrechtsdebatte einfach das Leichentuch des Vergessens über tausend Jahre Gedankenterror ziehen wollen?

Tausend Jahre! Kann man sich das überhaupt vorstellen? Wo stände denn Europa heute ohne Griechen, Römer und Araber? Ohne Aufklärung, französische Revolution, Reichsdeputationshauptschluss und Säkularisation? Gewiss nicht dort, wo sich Europa heute befindet.

Europa hätte vermutlich außerhalb des christlich-kirchlichen Territoriums keinerlei geistige und kulturelle Ausstrahlung. Denn die Kirche hat sich mit Judenverfolgung, Kreuzzügen, Reconquista, Islam-Bashing, Religionskriegen und Indio-Bekehrungen den Respekt bei anderen Völkern gründlich verbaut.

Statt in einem liberalen Europa, mit allen Stärken und Schwächen, aber mit der Königskrone der Denk- und Meinungsfreiheit versehen, wäre der christliche Westen ohne Griechen, Römer, Araber und Aufklärer vermutlich den gleichen Weg gegangen wie der Islam ab dem 16. Jahrhundert: Zurück in den religiösen Fundamentalismus mit Verordnungen für alle Lebenslagen.

So wollte es die katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Mit dem Syllabus Errorum, einem Verzeichnis von achtzig „Irrtümern“, verwirft Papst Pius IX. im Jahre 1864 praktisch alle politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Maximen, an denen sich fortschrittliche Kreise der Gesellschaft inzwischen orientieren.

Das Begründungsmuster für den katholischen Kehraus ist simpel, willkürlich und in der Wiederkehr ermüdend: Es gebe erstens einen Gott, dieser sei zweitens ein christlicher und habe drittens zum jeweiligen Sachverhalt passende Eigenschaften. Letztere zimmert sich jeder Pfarrer und Gläubige selbst zurecht. Trotz Höllenqualen wird aus dem Rachegott ein „liebender“ und selbst die blutige Inquisition stützt sich auf Gottes Wollen ab. Und wenn ein Bus verunglückt, bejubelt der Gläubige Gott, der ihn „wunderbar errettet“ habe. Dass Gott nebenher dreißig Fahrgäste in den Tod geschickt hat, tut der „Gerechtigkeit Gottes“ und seiner „Liebe zu den Menschen“ keinen Abbruch. Diese Gottesbild-Bastelei macht jedes Gespräch über den christlichen Kirchengott sinnlos.

Frieden den Hütten

Das Christentum habe sich als Folge seiner Barmherzigkeit durchgesetzt, meinen Historiker und Theologen. Aber die verdrängte, übertünchte und verleugnete Wahrheit lautet: In Europa haben Kaiser, Könige und Fürsten über den Beitritt ihrer Untertanen zur christlichen Kirche entschieden und nicht Werte. Wer herrschte, bestimmte die Religion der Untertanen. Das war der Tenor der Erlasse aller Kaiser, wie immer sie geheissen haben: Theodosius, Justinian, Karl der Grosse, Otto. Cuius regio eius religio war der Wahlspruch des 16. Jahrhunderts. Luther hat ihm nicht widersprochen.

Wahr ist auch, dass die christliche Kirche eine Ewigkeit regiert hat und Könige und Untertanen nach ihrer Pfeife tanzen ließ. Und? Ist irgend etwas besser geworden? Zog Wohlstand in Europa ein? Genossen die Menschen die Möglichkeit, sich frei zu äußern? Gab es Frieden in den Hütten?

Wurden die Güter gerechter verteilt, Schwarz und Weiß, Frau und Mann gleicher? Hat „die göttliche Liebe, die reinigende und erleuchtende Kraft des christlichen Glaubens, die christliche Tugend und Demut“ (M. Grabmann), die Judenverfolgung und die Zwangsmissionierung verhindert?

Die Inquisition und die Hexenprozesse, die Religionskriege und die Ausbeutung Lateinamerikas, den Missbrauch von Kindern und die Vatikanbank? Nichts dergleichen.

Das Ergebnis könnte schlimmer nicht sein: Eine unvorstellbare Orgie von Gewalt pflügt die christliche Hemisphäre tausend Jahre lang um und um: Kerker, Folter, Menschen als Brikett. Kriege lösen einander ab, die Reichen werden immer reicher und die Diskriminierung der Frauen strebt einsamen Höhepunkten entgegen. Und die deutschen Historiker und Publikationsorgane schweigen. Aus Pietät, wie es heisst, Während eine glaubensselige Politikerkaste eine neue Reconquista einzuleiten versucht. Gegen den Willen der Bevölkerung, die den Kirchen in hellen scharen Adieu sagen.

Kann man das verstehen, dass Gebildete immer noch an eine Kirchenlehre glauben, die behauptet, Gott habe nach der Erschaffung der Erde rund fünf Milliarden Jahre gewartet, um die Menschen zu erlösen? Halt, nicht die Ägypter und Neanderthaler werden erlöst, nicht die Griechen und Römer, nein, nur die Christen! Aber auch nur dann, wenn sie dem im 4. Jahrhundert dogmatisierten Dreifachgott huldigen. Die anderen kommen in die Hölle, sie haben zu früh gelebt! Kann man das verstehen, dass eine solche Kirche, die Gott unterstellt, er werde Milliarden um Milliarden Menschen in ein ewiges Höllenfeuer schicken, nur um auf heiligen Feuern ein fettes Kirchensüppchen zu kochen, von halbgebildeten Politikern immer noch zum Leitbild der Moral gemacht wird? Nein, verstehen kann man das nicht.

Was die Welt braucht

Was die Welt dagegen braucht, ist eine der Erde verbundene Ethik fern der Spekulationen. Keine Götterlehre, die eine „Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden“, die „Inkarnation des primitiven Aberglaubens“ ist (Einstein).

Die Welt braucht keine Ethik, die Bauern und Winzer auffordert, die Kinder in Gottesfurcht zu erziehen, wie dies die rheinland-pfälzische Verfassung tut. Keine, die sich an der Erlösung des Einzelnen orientiert, sondern am Wohl dieser Welt. Keine monoreligiöse Beschränktheit, die die Kulturen und Religionen Asiens kaum zur Kenntnis nimmt. Keine, die Forderungen stellt, die sinnlos überhöht sind oder nicht mehr dem heutigen Wissen und Können entsprechen.

Was die Welt braucht, ist eine Ethik des Diesseits, die ihre Sittengesetze auf die verbindende Vernunft aufsetzt. Eine Ethik, die in ihren Grundsätzen die existenziellen Gegebenheiten des heutigen Weltgeschehens nachzeichnet und nicht über Sexualität und Ebenbild Gottes schwadroniert. Eine Ethik, die den Menschen als Teil der Natur abbildet und nicht als „Krone der Schöpfung“. Die die schrankenlose Vermehrung der Spezies Mensch als Ursache weltweiter Katastrophen beschreibt und nicht „wachset und vermehret Euch“ fordert. Eine Ethik, die sich mit der Verwüstung der Erde und dem Bankrott des Tierschutzes beschäftigt, die die unanständige Bereicherung Einzelner geißelt und Konsumverzicht als der einzigen Lösung vorlebt, an der Katastrophe vorbeizuschlittern.

Wir brauchen eine Ethik der Erde, die mehr im Auge hat, als der von Theologen durchlöcherte Deutsche Ethikrat, der „die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft […] auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen“ bewerten soll.

Diese auf Deutschland fokussierte Ethik, die sich mit Organspende, Sterbehilfe, Babyklappe, Beschneidung und ähnlichen Schrebergarten-Themen befasst, ist Ethik von gestern, die nicht wahrhaben will, dass die Erde im Sterben liegt, weil sich die Menschen wie die Kaninchen vermehren. Ethisches Denken muss sich heute zuallererst weltweit orientieren und fragen, was getan werden muss, um das Ressourcen vernichtende und Umwelt vergiftende Wachstum der Menschheit zu begrenzen.

Die religiös fundierte Ethik von gestern hat keines der großen Probleme gelöst. Gott sorgt sich nicht, dass das Leben aus dem Takt gerät. Er hütet nicht die Hungernden in Mali, kümmert sich nicht um die letzten Leoparden, hält nicht den Eisbären auf seinem Marsch in den Aussterbehimmel auf, hat keine Lösung für das babylonische Menschengewimmel, gibt keine Ratschläge für die sichere Lagerung des Atommülls.

Gott zeigt kein Interesse an Auschwitz und Stalingrad, Tsunami und Hiroshima, Boni und Schuldenbergen, Beschneidung und aktiver Sterbehilfe. Der Mensch muss selber denken, die Welt sich selber sorgen.

Der Aufbau einer solchen Ethik der Vernunft kann gar nicht anders geschehen als gegen eifernde Fundamentalisten, gegen islamische Hassprediger, gegen Pius-Brüder, gegen polnisch-katholische Fanatiker rund um den Sender Radio Maryja, gegen die fundamentalistischen Evangelikalen in den USA, gegen Politiker, die auf Unkenntnis aufgebaute Kirchenlehren zur Leitlinie ihrer Politik machen. Ohne neue Evangelien wird die Erde nicht überleben.

Diese neue Ethik muss sich gegen eine deutsche Regierung durchsetzen, die unter Führung Angela Merkels die Reconquista Deutschlands eingeleitet hat: die Wiedererweckung des Christentums.


Der Artikel wurde in ähnlicher Form bereits
am 23.06.2014 im hpd publiziert [ siehe @ https://hpd.de/node/18895 ], hat jedoch durch das Buch von Carsten Frerk "Kirchenrepublik" und durch die jüngsten Entwicklungen und Äußerungen der Bundeskanzlerin nicht an Aktualität verloren.

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