Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 2:04 am

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Weiteres öffentliches Interviews mit der österreichisch-deutschen Schauspielerin Senta Berger ( Jg. 1941 ). ( Siehe auch über sie und ihre Filme und Theateraufführungen WIKIPEDIA @ http://de.wikipedia.org/wiki/Senta_Berger ).

EIN ZWEITES INTERVIEW MIT SENTA BERGER:

MAZ - Märkische Allgemeine ( Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam ) @ http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12479703/63369/Hauptdarstellerin-Senta-Berger-ueber-den-Film-Und-alle.html

04.03.2013

„... dann kommst du ins Heim“

Hauptdarstellerin Senta Berger über den Film „Und alle haben geschwiegen“ heute Abend im ZDF (20.15 Uhr)

In dem Drama geht es um Heimkinder im Nachkriegsdeutschland. Mit der Schauspielerin Senta Berger sprach NORA LYSK:

MAZ – NORA LYSK: Sie sind selbst ein Kind der 50er Jahre. War Ihnen die Situation der Heimkinder bekannt?

SENTA BERGER: Ich erinnere mich an diesen einen Standardsatz: „Wenn du nicht gehorchst, dann kommst du ins Heim.“ Ich habe das zwar nie zu hören bekommen, denn ich bin sehr geborgen aufgewachsen. Aber die Jungs, mit denen ich gespielt habe, und die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, außer mal eine Zigarette zu klauen, kannten diesen Satz sehr wohl.

MAZ – NORA LYSK: Können Sie nachempfinden, wie sich die Heimkinder gefühlt haben?

SENTA BERGER: Ja, denn meine Eltern waren beide berufstätig. Und wenn die Schulferien kamen, bin ich jedes Jahr in ein Landschulheim geschickt worden. Ich hatte wahnsinnige Angst davor. Und das auch zu Recht, denn ich war einfach zu klein. Auch wenn man die Situation nicht vergleichen kann, so erinnere ich mich, wie meine Angst in der Nacht gewachsen ist. Deshalb kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es ist, wenn man in ein Heim gesteckt wird und dort aus purer Angst und Verzweiflung zum Bettnässer wird und dann auch noch geprügelt wird. Ich musste mir das Thema also nicht erarbeiten wie einen fremden Kontinent, sondern es war mir sehr nah.

MAZ – NORA LYSK: Haben Sie zur Vorbereitung des Films Kontakt zu ehemaligen Heimkindern gesucht?

SENTA BERGER: Nein. Es wäre interessant und ein Zeichen von Respekt gewesen, aber als Schauspielerin hätte es mich nicht weitergebracht.

MAZ – NORA LYSK: Das Schicksal der Heimkinder in Deutschland ist vor wenigen Jahren Thema im Bundestag gewesen. Es wurden Entschädigungszahlungen beschlossen. Wie bewerten Sie die politische Aufarbeitung?

SENTA BERGER: Der Ausschuss hat eine Dokumentation vorgelegt, die wir zur Vorbereitung des Films lesen konnten. Eine Kompensation im materiellen Sinne wird es sicherlich niemals geben können. Weil eben nichts genug ist, ganz egal wie hoch man diese Summe ansetzen würde. Ich fand es allerdings richtig, dass man diesen ehemaligen Heimzöglingen und beschädigten Erwachsenen eine Öffentlichkeit gegeben hat. Diese Öffentlichkeit wird durch den Film sicherlich noch größer werden.

MAZ – NORA LYSK: Ihr letzter Film, „Operation Zucker“, behandelte das Thema Prostitution von Kindern. Kann Fernsehen zur politischen und gesellschaftlichen Meinungsbildung beitragen?

SENTA BERGER: Wenn man mit spielerischen und künstlerischen Mitteln ein Thema in die Öffentlichkeit bringen kann, indem man nicht nur Informationen, sondern auch Spannung und Leidenschaft transportiert, erreicht man sicherlich eine größere Öffentlichkeit, als mit einem Dokumentarfilm. Auch wenn dieser sehr viel genauer und hintergründiger sein kann.

MAZ – NORA LYSK: Wie wichtig ist es für Sie, diese politischen Stoffe zu spielen?

SENTA BERGER: Sehr wichtig, denn es geht um unsere Zeit und um die Situation, in der wir leben. Das reizt und provoziert mich, dabei zu sein – und zwar als Schauspielerin, aber auch als Mitglied dieser Gesellschaft. Fernsehen ist wie ein Spiegel unserer Gesellschaft und kein avantgardistisches Medium, das vorangeht. Und es packt mich, wenn ich das Gefühl habe, dass ich die Leute in ihrer Lebenswirklichkeit erreiche.

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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 2:41 am

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Am Montag, 25. März 2013, um 20:58 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Weiterführend, insbesondere,
zu Beitrag 5 ( vom Freitag, 22. März 2013, um 02:44 Uhr ),
zu Beitrag 6 ( vom Freitag, 22. März 2013, um 03:26 Uhr ),
zu Beitrag 7 ( vom Freitag, 22. März 2013, um 03:36 Uhr ),
zu Beitrag 11 ( vom Freitag, 22. März 2013, um 04:24 Uhr ),
zu Beitrag 12 ( vom Freitag, 22. März 2013, um 04:53 Uhr ),
zu Beitrag 21 und Beitrag 22 ( vom Sonntag, 24. März 2013, um 06:12 Uhr und 06:13 Uhr ), und
zu Beitrag 23 und Beitrag 24 ( vom Montag, 25. März 2013, um 02:35 Uhr und 03:01Uhr ) ( letztere beiden Beiträge also ebenso heute getätigt ! ).

Ich selbst habe den ZDF-SPIELFILM "Und alle habe geschwiegen" noch nicht gesehen, und kann mich daher nur nach den bisherigen Kommentaren anderer Zuschauer und Zuschauerinnen, die ihn gesehen haben, richten.

Zu diesem Zweck habe ich über die letzten ca. zwei / drei Wochen hinweg sicherlich 95% aller in Deutschland, Österreich und der Schweiz öffentlich abgegebenen Kommentare und Stellungnahmen – Lob und Kritik ! – zu diesem ZDF-SPIELFILM "Und alle habe geschwiegen" im Internet gelesen und studiert --- geradezu überall danach gesucht.

Aber auch ohne diesen ZDF-SPIELFILM "Und alle habe geschwiegen" selbst gesehen zu haben, bin ich der Meinung:

Gute Filmschauspieler und Filmschauspielerinnen in aller Welt versuchen immer ihr Allermöglichstes zu geben sich in die Rolle derer und in das von ihnen Erlebte deren Geschichte sie darstellen wollen zu versetzen --- und können dies auch durchaus realitätsnah vollbringen wenn sie es tatsächlich wollen. Viele Filmschauspieler und Filmschauspielerinnen konsultieren auch persönlich über die Materie, die es gilt darzustellen eingehend mit direkt Betroffenen selbst, z.B. mit direkt Betroffenen eines Disasters, mit direkt Betroffenen eines Holocaust oder mit direkt Betroffenen eines gesellschaftlichen Skandals worüber die Öffentlichkeit mit einer bestimmten Filmdarstellung unbedingt aufgeklärt werden soll und muß. --- Siehe, diesbezüglich, z.B., auch den ( 1993 ) SPIELFILM "Schindlers Liste", den ( 1993 ) Nordirlandkonflikt-SPIELFILM und IRA-Drama "Im Namen des Vaters" / "In the Name of the Father" oder auch den ( 1988 ) SPIELFILM "Ein Schrei in der Dunkelheit" ( spielte in Australien ), wenn man DIESE DREI SPIELFILME jetzt mal zum Vergleich nimmt. Ich glaube nicht, dass jemand der DIESE DREI SPIELFILME gesehen hat danach noch falsche Vorstellungen bezüglich dem, jeweilig, darin behandelten und beinhalteten Thema hätte haben können.

Wie aber sieht die deutsche Gesamtgesellschaft jetzt, nach der Ausstrahlung im deutschen Fernsehen des ZDF-SPIELFILM "Und alle habe geschwiegen" wirklich die Ehemaligen Heimkinder und ihr Schicksal ?

Hat es wirklich etwas daran geändert dass "alle" "geschwiegen" "haben" ? – Wird es die deutsche Gesamtgesellschaft jetzt dazu bewegen von jetzt an aufzuhören zu schweigen ? – Haben sie wirklich mitgekriegt und verstanden was damals in ihrem Lande flächendeckend und über Jahrzehnte hinweg – im Nachkriegsdeutschland ! – geschah und heute noch immer nicht gesühnt ist, und dass die Verantwortlichen dieses Unrecht auch nicht sühnen wollen ?

Wird es die deutsche Gesamtgesellschaft dazu bewegen etwas dagegen zu tun und wird die deutsche Gesamtgesellschaft zumindest versuchen den Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen und dafür zu sorgen dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt ?

…"Und alle haben geschwiegen"...

Werden sie jetzt alle auch weiterhin schweigen ?

QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, Beitrag von »martini« vom Montag, 25. März 2013, um 20:58 Uhr, Beitrag 25 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der ersten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/#post374399 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 3:30 am

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WER IST WER UND WER VERTRITT WELCHE UND WESSEN INTERESSEN.

Im BLOG ALTPAPIER – eine Seite von evangelisch.de – @ http://weblogs.evangelisch.de/weblogs/altpapier/2013/03/04/thema-hoch-zwei

GESPEICHERT VON KLAUS RAAB AM/UM MO., 04.03.2013 - 09:51 UHR

ALTPAPIERKORB

+++ Im Fernsehen heute und vielerorts besprochen: der ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" (20.15 Uhr): "Dieser Film kann mehr zum gesellschaftlichen Verständnis von Heimerziehung 'vor 1968' beitragen als ein halber Meter im heimischen Bücherregal", schreibt der Tagesspiegel [ http://www.tagesspiegel.de/medien/drama-das-schweigen/7869642.html ] +++

+++ Auch die taz [ http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=fl&dig=2013%2F03%2F04%2Fa0099&cHash=7f001a2f4caf491b61ce739e895da127 ] hebt auf die folgende Diskussion ab: "Die Kinder- und Erziehungsheime, meistens von den beiden Kirchen in Westdeutschland betrieben, waren Lager, Zwangsanstalten, sogar ein Arbeitslager gab es, das man sich eher in Sibirien vorstellen kann als im Deutschland der 1960er Jahre. Der Film 'Und alle haben geschwiegen' von Dror Zahavi bringt die Geschichte nun an ein Millionenpublikum, und man darf gespannt sein auf die politischen Folgen" +++

+++ Die SZ: "Das Schicksal der – fiktiven – Luisa Keller steht in dem Film 'Und alle haben geschwiegen' für mehr als 800000 Kinder und Jugendliche, die nach Kriegsende bis in die Siebziger in westdeutschen Erziehungsheimen leiden mussten. Regisseur Dror Zahavi hat sich an das düstere Thema gewagt: das Versagen der deutschen Nachkriegspädagogik. Er beschönigt nichts, kommt ohne Voyeurismus aus: Nicht alle Schwestern sind Unmenschen, aber das System begünstigt die, denen das Quälen Spaß bereitet. Ein sehenswerter Film" +++

+++ Und die FAZ findet: "ein stiller Film, eindrucksvoll, lang nachwirkend, weil er jede wohlfeile Entrüstung und populistisches Brandmarken vermeidet", allerdings auch ein Film, der "– man schämt sich fast, es niederzuschreiben – als Werk der Fiktion unter der Last seines ehrenwerten Anliegens verschwindet" +++


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ATF - ASPEKT TELEFILM @ http://www.aspekt-telefilm.de/

WIR MACHEN FILME, DIE BEGEISTERN

Aspekt Telefilm entwickelt und produziert fiktionale TV-Movies, Spielfilme und Serien für den deutschen und internationalen Markt.

Als Tochterunternehmen von SPIEGEL-TV hat ATF zudem die einzigartige Möglichkeit, aus einem grossen Fundus wahrer und gut recherchierter Geschichten mutige und engagierte Stoffe zu entwickeln, die ihr Publikum finden, weil sie ebenso aussergewöhnlich wie alltäglich sind.

Aspekt Telefilm hat ihre Standorte in Hamburg und Berlin. Die Produktionsaktivitäten in Hamburg werden von Markus Trebitsch und Claudia Schröder gesteuert, Doris Zander ist verantwortliche Produzentin des Berliner Standortes
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tittelbach tv der fernsehfilm-beobachter @ http://www.tittelbach.tv/programm/fernsehfilm/artikel-2398.html

Fernsehfilm „Und alle haben geschwiegen“

„Und alle haben geschwiegen“
ZDF / Fernsehfilm / Drama
EA: 4.3.2013, 20.15 Uhr (ZDF)
Mit Senta Berger, Matthias Habich, Alicia von Rittberg, Leonard Carow, Marie Anne Fliegel, Birge Schade, Jasmin Schwiers, Anke Sevenich, Antje Schmidt und Thomas Arnold
Drehbuch: Andrea Stoll
Regie: Dror Zahavi
Szenenbild: Gabriele Wolff
Kamera: Gero Steffen; Schnitt: Fritz Busse
Soundtrack: [ http://www.tittelbach.tv/bonusmaterial/soundtrack.html ] Beatles („Please, please me“)
Produktionsfirma: Aspekt Telefilm-Produktion
Quote: 5,94 Mio. Zuschauer (17,9% MA)

Dieser Artikel stammt von http://www.tittelbach.tv/programm/fernsehfilm/artikel-2398.html

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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 4:52 am

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Am Mittwoch, 27. März 2013, um 10:46 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Und natürlich gehört auch das was PROF. DR. MANFRED KAPPELER im Vorfeld der Ausstrahlung des ZDF-SPIELFILM "Und alle haben geschwiegen" mit zu dieser Diskussion und Debatte beigetragen hat mit dazu.

…um noch einmal ganz besonders AUCH DARAN zu erinnern:

ZDF.de - frontal21
»Missbrauchte HeimkinderKaum Hilfe für die Opfer«

@ http://www.zdf.de/Frontal-21/Missbrauchte-Heimkinder-26687780.html

[ als Teil dieser Sendung am Dienstag, 19. Februar 2013 ]

Video-Interview ( VON WOLFGANG KRAMER )

Ein ausführliches Interview mit dem Erziehungswissenschaftler und Berater ehemaliger Heimkinder, Manfred Kappeler

Frontal21 im Interview mit Prof. Dr. Manfred Kappeler – 9 Min. und 12 Sek.

Dienstag, 19. Februar 2013

[ Niederschrift dieses Interviews ( Niederschrift aus privater Handseitens des Australiers Martin MITCHELL, Ehemaliges Heimkind, Jg. 1946 ) ]

INTERVIEWER: Was kritisieren Sie denn noch? – Es ist doch: Das Unrecht ist anerkannt und es gibt Geld.

PROF. KAPPELER: Ja.

INTERVIEWER: Was noch, was fehlt?

PROF. KAPPELER: Das Unrecht was anerkannt wird wird nicht in dem Sinne anerkannt wie die Vertreter der Ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch das gefordert haben. Zwar steht in den Preambeln des Abschlussberichtes „Unrecht und Leid is geschehen“, dass es anerkannt wird, es wird bedauert, aber der Kern dieses Unrechtes, die ZWANGSARBEIT der Jugendlichen und die verbotene Kinderarbeit, Arbeit der Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahr – und die damit verbundene Vorenthaltung jeglicher Bildungschancen – wurde nicht anerkannt, ausdrücklich nicht anerkannt. Und das war die Hauptforderung der Ehemaligen Heimkinder. Und wenn diese Hauptforderung anerkannt worden wäre dann hätte auch eine ganz andere Entschädigung erfolgen müssen, nämlich wirklich eine Ent-schädigung die zumindestens den Versuch unternommen hätte die vorenthaltenen Lebenschancen auf einem niedrigen Level aber immerhin für das Alter jetzt noch beträchtlich zu bedenken.

Die mutmaßlichen Täter kann man nicht befragen. Die betroffenen Ehemaligen Heimkinder können keine materiellen Beweise führen. Es gibt ja auch so gut wie in keinem Fall noch Akten. So: „Rein formal-juristisch ist da eigentlich gar nichts zu wollen und in so fern kann es auch keine pauschale Entschädigungsregelung geben. Das was wir machen ist ja eigentlich ja schon ein großes symbolisches Zeichen. Verpflichtet sind wir dazu formal-juristisch überhaupt nicht.“.

PROF. KAPPELER: Ja.

INTERVIEWER: Was haben Sie dazu zu sagen?

PROF. KAPPELER: Diese formal-juristische Argumentation die – ahem – ist ja der Versuch der politischen Verantwortung zu entgehen. Wenn man sich auf die Verjährungsfristen zurückzieht, auf die Weigerung der Täterorganisationen – sage ich jetzt absichtlich zugespitzt – auf die Verjährungseinrede zu verzichten wenn Ehemalige Heimkinder heute noch ihre Schäden geltend machen wollen auf dem juristischen Wege, wenn – ahem – die Beweislage so verstanden wird dass die Ehemaligen Heimkinder im Einzelfall teilweise mit Uhrzeit und Stunde der Gewalttaten die sie erfahren haben belegen sollen was ihnen geschehen ist, dann sind das alles alles formal-jurische Argumente, die einen Abwehrcharackter haben.
In Wirklichkeit wäre es um eine politische Entscheidung gegangen und so war das Ganze ja auch angedacht. Gefordert waren eine politische Anerkennung dieses Unrechts und dann auch eine politisch gewollte Wieder-gutmachung [ Wieder-Bindestrich-Gutmachung ! ], so weit das überhaupt geht.

In einer der Sitzungen im Bundestag des Petitionsausschusses waren Experten aus dem Bundesarbeitsministerium geladen, die wurden von den Abgeordneten zur Frage des Charakters der in den Heimen geleisteten Arbeit befragt, und dann haben diese Herren aus dem Bundesarbeitsgericht [ sic, MM ] gesagt, die Arbeit die die Kinder und Jugendlichen in den Heimen leisten mussten war ZWANGSARBEIT.

Wenn sie das anerkennen, sie als Abgeordnete, dass das ZWANGSARBEIT ist, dann müssen sie das als politische Entscheidung sehen und auf politischem Wege dafür sorgen; dass kann nicht über die Rentenkasse gehen und auf die allgemeine Bevölkerung übertragen werden, dass diese Menschen Wiedergutmachung erfahren.

Das haben die Experten aus dem Bundesarbeitsministerium den Abgeordneten des Bundestages gesagt, die haben gesagt „das ist ZWANGSARBEIT“.

Und wenn sie die Wiedergutmachung wollen, dann müssen sie als Volksvertreter den politischen Mut haben das entsprechend zu entscheiden.

INTERVIEWER: Das Ganze erinnert ja an die Feststellung „Einmal Opfer immer Opfer“. Gilt das auch für die Ehemaligen Heimkinder im Hinblick auf das was beim Runden Tisch rausgekommen ist?

PROF. KAPPELER: Ja. Also sehr, sehr viele Ehemalige Heimkinder haben das als eine zweite Viktimisierung erlebt. Was dort geschehen ist: sie waren ständig der Übermacht, der Gewalt der Experten und der Interessenvertreter unterlegen.

Sehr, sehr viele Ehemalige Heimkinder in der Bundesrepublik haben sich überhaupt nicht bis jetzt geoutet, oder weigern sich auch, bezogen auf diese eingeschränkten Entschädigungsmöglichkeiten – oder sagen wir mal „Entschädigungsmöglichkeiten“, falscher Begriff – das was sie da bekommen können, das in Anspruch zu nehmen, weil sie nicht wieder in dieser Rolle des Opfers, das jetzt als Bittsteller, wieder auftreten muss um minimale Gratifikationen zu bekommen.

Die Gesellschaft hat da nach wie vor eine ungeheuere Bringschuld diesen Menschen gegenüber.

INTERVIEWER: Aber ist im Hinblick auf dieses bekanntgewordene Unrecht in einem Rechtsstaat – was ja fast wie ein Widerspruch in sich klingt – ist dieser Rechtsstaat, ist die Bundesrepublik, dieser Herausforderung die Schäden die da entstanden sind wenigstens tendenziell wiedergutzumachen annähernd gerecht geworden?

PROF. KAPPELER: Nein. – Nein. Es ist, das muss man leider sagen, wirklich die Billiglösung dabei herrausgekommen. Das Allergeringste was einmal in Gang gekommen war zugestanden werden musste und keinen Euro mehr.

INTERVIEWER: Warum ist im Abschlussbericht nicht davon die Rede dass es ein Unrechtssystem gewesen ist mit ZWANGSARBEIT und allem Drum und Dran und Rechtlosigkeit? Warum ist das da nicht reingeschrieben worden? Wer wollte das nicht?

PROF. KAPPELER: Also, wenn wir jetzt die Politiker am Runden Tisch nehmen, auch schon im Petitionsausschuss, auch schon im Bundestag, dann wäre dieses Eingeständnis eine Erschütterung ihres Selbstverständnisses bezogen auf die Geschichte und den Charakter der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Mitten im Kern des eigenen Gesellschaftssystems geschieht solches Unrecht in unvorstellbaren Ausmass und sämtliche – verfassungsrechtlich, staatsrechtlich, verwaltungsrechtlich! – vorhandenen Kontrollsysteme versagen; nicht zufällig!

Ich hab analysiert wie das alles zusammenhängt, warum die Vormundschaftsgerichte zusammen mit den Jugendämtern, zusamen mit den Verwaltungsgerichten, mit der Psychiatrie, ein gesamtes System so funktioniert hat.
Nach ’45 gab es an diesem Punkt, in diesen totalen Institutionen – die waren völlig abgeschottet von der Öffentlichkeit! – keine Zäsur. Mit denselben Personen und denselben Methoden ist das weitergelaufen bis weit in die siebziger Jahre.

Und sich das einzugestehen, sich dieses existenzielle Versagen deutlich zu machen – und dieses Eingeständnis wäre eine Leistung gewesen für die Entwicklung der politischen Kultur in der Bundesrepublik für die Zukunft – , deswegen habe ich immer gesagt, es geht auch darum dass wir diese Schuld annehmen, die wir selber genuin zu verantworten haben um zu verhindern dass sowas jemals wieder passiert. – Das ist nicht irgend eine, sondern es ist eine zentrale Schuld des Systems in der Bundesrepublik.

Und die Ehemaligen Heimkinder haben diesen Punkt unmissverständlich immer wieder in die Debatten am Runden Tisch eingebracht und da sind sie auf eine Mauer der Ablehnung gestoßen.

Und, kann man natürlich noch hinzufügen, bei den Kirchenvertretern, die ja 70% der gesamten Heimerziehung zu verantworten hatten, kommen ja noch mal andere Dimensionen von Schuld und Sühne dazu.


»„Und alle haben geschwiegen“ – ein Spielfilm über das Schicksal von Heimkindern im Westdeutschland der 50er und 60er Jahre. Hunderttausende Kinder und Jugendliche erlebten Demütigungen und Rechtlosigkeit, mussten ZWANGSARBEIT leisten, viele wurden sexuell missbraucht.«
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, Beitrag von »martini« vom Mittwoch, 27. März 2013, um 10:46 Uhr, Beitrag 45 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374583 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Zuletzt geändert von Martin MITCHELL am Fr Jun 14, 2013 2:12 pm, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 5:30 am

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Am Mittwoch, 27. März 2013, um 11:19 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Weiterführend zu Beitrag 33, Beitrag 36, Beitrag 37 und Beitrag 45 ( oben - auf Seite 2 dieses Threads hier ).

ZDF.de - frontal21 19.02.2013

»Missbrauchte HeimkinderKaum Hilfe für die Opfer« --- »Und alle haben geschwiegen«

das Kappeler-Interview

in chronologischer Reihenfolge, Minute bei Minute und Sekunde bei Sekunde

das Ende des aktuellen Unterviews mit Prof. Kappeler auf Frontal21 vom 19.02.2013 lief jedoch genau wie folgt:

[ .......... ]

PROF. KAPPELER: [ .......... ]

Und, kann man natürlich noch hinzufügen, bei den Kirchenvertretern, die ja 70% der gesamten Heimerziehung zu verantworten hatten, kommen ja noch mal andere Dimensionen von Schuld und Sühne dazu.

INTERVIEWER: Ein Unrechtssystem im neuen freiheitlich-demokratischen Westdeutschland. Der Rechtsstaat versagt. Die Profiteure des Unrechts wurden nie zur Verantwortung gezogen.

EHEMALIGES HEIMKIND DIETMAR KRONE: Was mich am meisten darüber ärgert, dass die Firmen für die wir arbeiten mussten, sich schön da rausgehalten haben; die mussten ja so gut wie garnichts in den Topf einzahlen, nich. Letztendlich bleibt’s am Steuerzahler hängen.

INTERVIEWER: Der Runde Tisch [ Heimerziehung ] [ unter der Schirmherrschaft von Antje Vollmer ] Jahrzehnte später begnügt sich mit einer Billiglösung, gesteht keine jüngste deutsche Schuld ein.

PROF. KAPPELER: Einsicht in die eigene Schuld - da liegt das Versagen und damit, das will ich mal deutlich sagen, ist auch wieder neue Schuld entstanden.


Die Korrektheit dieser Protokollierung / Niederschrift / Mitschrift geht auch hervor aus und ist belegt durch:

YouTube @ http://www.youtube.com/watch?v=aexxrHK5mKE ( eine Aufnahme und Wiedergabe von sehr hoher Qualität ! – Länge: 9 Min. und 13 Sek. )

und

YouTube @ http://www.youtube.com/watch?v=VfJWx_r0f70 ( eine Aufnahme und Wiedergabe von sehr hoher Qualität ! – Länge: 6 Min. und 58 Sek. ) ( Am Ende dieses YouTube-Videos, in der 6. Min. und 8. Sek. bis zur 6. Min. und 54. Sek. sind diese Abschlussaussagen in diesem Kappeler-Interview zu finden ! )


Und hier, unter vielen anderen Stellen, im Internet ist diese Protokollierung / Niederschrift / Mitschrift dieses gesamten Kappeler-Interviews, in seiner absoluten Vollständigkeit, jetzt ebenso von dem Australier Martin MITCHELL aufgezeichnet worden:

im EHEMALIGE HEIMKINDER BLOG NR. 1 @ http://heimkinderopfer.blogspot.com.au/2013/02/heimerziehung-missbrauchte-heimkinder.html ( dort veröffentlicht am 21.02.2013 ).

...und wie auch schon weitgehend wiedergegeben in Beitrag 45 ( oben - auf Seite 2 dieses Threads hier ).
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, Beitrag von »martini« vom Mittwoch, 27. März 2013, um 11:19 Uhr, Beitrag 46 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374585 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 6:49 am

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Am Mittwoch, 27. März 2013, um 11:19 Uhr und am Donnerstag, 28. März 2013, um 00:03 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Ein wichtiges Chatprotokoll des Chats, der im Anschluss der Ausstrahlung im deutschen Fernsehen des ZDF-Films "Und alle haben geschwiegen" stattfand.

ZDF @ http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Chatprotokoll-zu-Und-alle-haben-geschwiegen-26832808.html

04.03.2013

Chatprotokoll zu "Und alle haben geschwiegen"

[ Unmittelbar nach dem Film "Und alle haben geschwiegen" ( Montag, 04.03.2013, 20.15 Uhr, ZDF ) und bereits während der anschließenden Dokumentation "die Leiden der Heimkinder" gab es einen Chat, der auch auf den Internetseiten des ZDF festgehalten wurde und seither freigeschaltet worden ist. ]

[ Chatprotokoll ]

[ Die an diesem Chat teilnehmenden Fachleute waren: ]

Sachbuch- und Spiegelautor Peter Wensierski,

Drehbuchautorin Andrea Stoll,

ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger und

die Autorinnen der Dokumentation, Gesine Müller und Anja Kindler

standen im Anschluss an die Sendung zum Chat zur Verfügung.

Im Folgenden können Sie das Protokoll nachlesen:

[ Auszug, HIER, nur der Fragen, die gestellt worden sind und von ANDREA STOLL beantwortet worden sind. ]

GAST148 (Gast): Beruht der Film auf eine tatsächliche Begebenheit?

ANDREA STOLL: Nein, die Handlung ist fiktional. Aber die Recherchen haben viele Schicksale einfließen lassen, einzelne Motive aus Dokumenationen und Lebensberichten aufgenommen.

GAST625 (Gast): Beeindruckender und krass dargestellter Film, doch wie realitätsnah is der Film zu früher?

ANDREA STOLL: Wir haben uns um eine große historische Genauigkeit bemüht, es ging uns um Wahrhaftigkeit und eine größtmögliche Authentizität der dargestellten Schicksale.

GAST257 (Gast): der Film zeigt leider nur den Bruchteil der Wahrheit.

ANDREA STOLL: Das sehen wir auch so. Aber um auf diese Thematik aufmerksam zu machen, kann man nicht alle Grausamkeiten zeigen. Wir wollten mit diesem uns am Herzen liegenden Thema primetime-fähig bleiben, also zur besten Sendezeit um 20:15 [Uhr] die Menschen erreichen. Das wäre sonst nicht möglich gewesen.

ELLI08: Gab es dieses Heim wirklich 'Falkenstein'? War der Träger die Diakonie?

ANDREA STOLL: Nein, das Heim ist eine Fiktion. Aber es ist tatsächlichen diakonischen Heimen mit größtmöglicher Genauigkeit nachgebildet.

ELLI08: Wenn der Film fiktional ist? Warum groß die Diakonie nennen?

ANDREA STOLL: Weil gerade auch in diakonischen Heimen solche Dinge vorgefallen sind; das ist in dem Sachbuchbestseller von Peter Wensierski "Schläge im Namen des Herrn" nachzulesen.

ELLI08: Aber warum nur groß den Namen der Diakonie nennen?

ANDREA STOLL: Weil der Name der Diakonie vorher nicht mit solchen Vorfällen in Verbindung war – aber gerade auch in diakonischen Heimen solche Dinge vorgefallen sind. Leider.

GAST1103 (Gast): Es gab diese Zustände auch vor [der] im Film angegebenen Zeit. Mein Vater ist vor dem 2. Weltkrieg in einem katholischen Waisenhaus in Eichsfeld aufgewachsen und mit 17 Jahren von dort ausgerissen.

ANDREA STOLL: Wir wissen das. Aber das auch nach dem Krieg, in der Demokratie solche Dinge passiert sind, hat uns sehr erschüttert.

GAST229 (Gast): Ein großes Lob für diesen Film, endlich wird die Realität der Heimerziehung in den 60er Jahren einmal auf Leinwand gebannt. Ich hoffe dieser Film hat Konsequenzen für die Kirchen.

ANDREA STOLL: Das hoffen wir auch!

ANGELA JUNG: ein sehr berührender Film, der mich sehr wütend macht, wenn ich daran denke, dass die Kirche im Januar die Kriminologische [Untersuchung] zum Missbrauch gestoppt hat. Diese Ignoranz und Arroganz ist infam.

ANDREA STOLL: Das Thema ist nicht vom Tisch. Bei einer Vorführung im Bundestag [ am Di. 19.02.2013 ] sprachen Abgeordnete von der Hoffnung, dass durch diesen Film wieder Bewegung in die Sache kommt.

GAST257 (Gast): Liebe Frau Stoll, nur die schonungslose Wahrheit lässt aufrütteln – leider...

ANDREA STOLL: Wir haben uns genau darum bemüht – auch wenn wir wissen, dass wir nur die Spitze des Eisbergs zeigen können.

GAST572 (Gast): Toller Film, hat mir super gefallen!

ANDREA STOLL: Das freut uns alle sehr!

GAST133 (Gast): Wie auch immer dieser Film dramaturgisch umgesetzt ist... (nicht wirklich gut. d.h. zuviel typisch deutsche Theater-Drama-Atmosphäre, wodurch das Thema in "Kunst" abhebt) … das Thema an sich ist erschütternd. ---- Wer hat diesen Film produziert? Bitte nächstes Mal jemand anderen mit sowas beauftragen :)

ANDREA STOLL: Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut ;) ;)

GAST6129 (Gast): Was ist mit Luisa passiert als sie aus der Intensivstation rausgekommen ist bis zu dem Zeitpunkt wo sie nach Amerika gegangen ist?

ANDREA STOLL: Sie wurde einem Vormund unterstellt, der sie in seiner Familie leben ließ – in der fiktiven Geschichte, die ich mir als Drehbuchautorin zu dieser Figur ausgedacht habe.

GAST6119 (Gast): Sehr guter Film, schwer zu ertragen! Meine Konsequenz: Morgen trete ich aus der Kirche aus!

ANDREA STOLL: Diese Konsequenz haben viele gezogen. Aber wie in jeder Gemeinschaft und in jeder Institution gibt es solche und solche – also auch Menschen, die ihre Verantwortung Ernst nahmen.

STAFFELBERGER RAINER: Frau Stoll, es wird sich wieder im Sande verlaufen.

ANDREA STOLL: Das glaube ich nicht! Zu viele Menschen wollen eine Klärung und eine öffentliche Auseinandersetzung!

GAST1156 (Gast): Ist exakt dieser Film authentisch oder fiktiv?

ANDREA STOLL: Der Film ist fiktiv – aber er stützt sich auf genaue Recherchen und hat Motive und Versatzstücke realer Geschehnisse aufgenommen und in der Geschichte unserer Hauptfiguren verdichtet.

GAST585 (Gast): Welche Gedenkstätte ist das Heim heute? Heisst es immer noch "Fuldatal"?

ANDREA STOLL: Das ist heute die Gedenkstätte Breitenau in der Nähe von Kassel und kann besichtigt werden.

LOTHAR THIELEN: Schade dass der Film nicht deutlich genug macht, dass es sich hier um ein reines Erziehungsheim handelt, in dem stark verwahrloste junge Menschen nach mehrfachen Versuchen der Integration erst nach richterlichen Beschluss eingewiesen wurden. Man spricht von Heimkindern nicht von Zöglingen. Das entschuldigt natürlich nicht die Form der Züchtigungen die unmenschlicch dort stattgefunden haben. Ich bin von 1953-1972 in einem nicht Erziehungsheim gewesen. Dort musste ich mehr die gesellschaftliche Willkür von Gewalt erfahren. Weniger die der Erzieher obwohl diese auch noch hart genug war.

ANDREA STOLL: Genau das war es eben nicht! Es mussten Kinder und Jugendliche nicht stark verwahrlost sein – geringfügige Anlässe genügten, wie die Erkrankung einer alleinerziehenden Mutter oder die Anzeige eines mißgünstigen Nachbarn, um Kinder vom Jugendamt in ein Heim einweisen zu lassen. Natürlich gab es auch kriminelle oder verwahrloste Jugendliche. Aber auch das rechtfertigt keinen Sadismus und keine Grausamkeit, sondern benötigt Hilfe!

SCHWERERZIEHRTE: Ihr habt wirklich am Film fast alles gezeigt. Wir haben das auch einen Internat mitgemacht. Große Jungs vergriffen sich an die Jüngeren in der Gruppe. Das Temprament der Betreuerin ging also mit ihnen durch. Die Kinderarbeiten erbrachten in der Landwirtschaft 0,20 DM und die Metalkörbe auf dem Kartoffelakker waren sehr schwer. Taschengeld das dass Jugendamt bezahlt hat, wurde durch Strafe uns weggenommen. Kleidergeld wurde unterschlagen. Erbrochenes musste wieder eingenommen werden.

ANDREA STOLL: Davon haben wir gehört. Wir haben uns sehr bemüht das authentisch zu zeigen.

GAST2225 (Gast): Der Film war wirklich sehr eindringlich, aber das ganze m.E. kein isoliertes Problem der Kirche.

ANDREA STOLL: Das ist richtig, Gewalt und Sadismus können in geschlossenen Institutionen immer passieren, leider auch in Familien, wenn Gewalt und Drohgebärden verbreitet werden. Aber das Erschreckende und tief Betrübliche dieser Kirchenerziehung ist, dass die Schläge und Demütigungen im Verweis auf Jesus Christus verübt wurden – der immer Gewaltfreiheit gepredigt hat.

GAST2139 (Gast): Wie war die Reaktion auf den Film von Verantwortlichen.

ANDREA STOLL: Politiker und auch Kirchenvertreter nehmen das sehr ernst – wir erreichen mit diesem Film Millionen Zuschauer – das muss dann auch ernst genommen werden!

GAST3209 (Gast): Fr. Stoll, das MUSS ernst genommen werden? Bei allem Respekt, aber das können Sie nicht erzwingen. Es gibt nun mal eben Unmenschen und man kann noch so viel einreden und aufzeigen und wachrütteln, sie werden es ja doch nie verstehen.

ANDREA STOLL: Und trotzdem muss man es versuchen! Nach diesem Film wissen Millionen Zuschauer von diesen Missständen. keiner kann das Thema mehr totschweigen.

GAST4218 (Gast): Im Film wurde von 16 Jährigen gesprochen doch viele von uns waren erst 10 oder 11 Jahre alt gewesen als wir diesen widrigen Einrichtungen zugeführt wurden.

ANDREA STOLL: Das ist in verschiedenen Altersstufen passiert und unser Film zeigt ja auch Kleinere und Größere, die in diesem Heim zusammenleben. Im Drehbuch habe ich mich für das Alter der Pubertät entschieden, weil da soviel passiert, aber Gefühle auch schon artikuliert werden können.

AJOLA: Bei diesem Film gab es viele Situationen, die mich sehr aufgewühlt haben, auch ich musste Frohndienste an der Heißmangel leisten oder wenn man weggelaufen ist, kam man in die Straffamilie M, die erste Woche hatte man Einzelhaft, dann musste man für die 18 Außenheime (Kinder und Altenheime) Küchenfrondienste ableisten. Wir trugen alle blau weiss gestreifte Anstaltskleidung. Um das Heim war eine hohe Mauer die Fenster waren alle vergittert. Ich habe vor ein paar Jahren mal an die Pressestelle Himmelsthür eine Mail geschrieben und darum gebeten mir meine Akte auszuhändigen. Ich habe nie eine Antwort bekommen.

ANDREA STOLL: Wir haben uns sehr bemüht, authentisch zu sein. Leider gehört es zur Realität, dass viele Anfragen auf Klärung von den Heimen abgeblockt wurden. Aber Filme wie diese machen das Unrecht öffentlich.

NOBUE1955: Ich glaube in solchen Filmen wird vieles nicht gesagt/gezigt weil es die Zuschauer emotional überfordern würde.

ANDREA STOLL: Das ist richtig, alles was es gab, kann man nicht zeigen. Sonst wären wir nicht mehr sendefähig, nicht um 20:15 Uhr. Aber wir waren deutlich genug, ein jeder kann sich vorstellen, wie manche Situationen weitergehen können.

GAST4302 (Gast): Ich hätte noch eine Frage zum Film... was wäre passiert, wenn die Hauptdarstellerin dem Bischof gesagt hätte, dass sie von den Schwestern verprügelt worden war? Ich befürchte, er hätte es einfach als Lüge abgetan. :-(

ANDREA STOLL: Das haben wir auch befürchtet. Vor allem aber zeigt ihr Schweigen, dass sie den Glauben daran verloren hat, dass ihre Stimme in diesem Kreis gehört wird.

JOERGY: Gibt es ein Stellungnahme der Kirche oder des diakonischen Werks zum Film?

ANDREA STOLL: Es gibt gute Kritiken in evangelischen Medien, u.a. in der Evangelischen Sonntagszeitung.

MUELLERMAMUB: Und danke für diesen Film, der aufzeigt, was in unserem Land möglich war und leider immer noch ist.

ANDREA STOLL: Wir danken Ihnen für das Zuschauen!

GAST3177 (Gast): Es wäre schön gewesen wenn eine Triggerwarnung am Anfang eingeblendet gewesen wäre da bei mir auch einiges Unschönes aus meiner Kindheit bei meinen Adoptiveltern hochkam die mich identisch behandelt haben. Danke an die mutigen Menschen die das Schweigen gebrochen haben.

ANDREA STOLL: Das verstehen wir! Wir haben uns bemüht!

MIMO22: Der Film hat für mein Verständnis nur an der Oberfläche gekratzt. Aber gut das ihn gibt.

ANDREA STOLL: Siehe andere Stellungnahmen; wir konnten nicht alles zeigen, nicht um 20:15 Uhr.

GAST5329 (Gast): ich bin ein Heimkind aus Bayern. War drei Tage alt als ich als Bbastard ins Heim kam. Ich habe den Film nicht angeschaut, weil er zu harmlos war und ist.

ANDREA STOLL: Das ist ihr gutes Recht. Aber es ist ein Anfang, um das Thema einer großen Öffentlichkeit bekannt zu machen, nicht nur als Faktenbericht, sondern emotional erfahrbar. Aber wir verstehen Ihre Haltung.

1JONATHAN: Dieser Film war dramaturgisch gut gemacht, aber leider voll am Thema vorbei. Oberflächlich und stark zensiert, so wie ich es gestern bereits vielen Menschen vorher gesagt habe. Der sexuelle Missbrauch wurde nicht einmal in dem Film erwähnt.e.

ANDREA STOLL: Der sexuelle Missbrauch war nicht das Thema dieses Films, es war nie darauf angelegt, da hätte man einen ganz anderen Film machen müssen. Uns ging es um den missbräuchlichen und demütigenden Umgang mit Jugendlichen, der Teil des Erziehungsystems in Heimen war.

GAST1156 (Gast): Ist das in heutigen Heimen auch noch möglich? So einen körperlich und seelischen Missbrauch?

ANDREA STOLL: Wer weiss das schon zu sagen? Leider gibt es in allen geschlossenen Institutionen die Gefahr des missbräuchlichen Umgangs, deshalb ist Transparenz und eine unabhängige Kontrolle so wichtig.
.

QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, zwei Beiträge von »martini« vom Mittwoch, 27. März 2013, um 11:19 Uhr und Donnerstag, 28. März 2013, um 00:03 Uhr, Beitrag 47 und Beitrag 48 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374669 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ] und @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374670 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 9:26 am

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Am Freitag, 29. März 2013, um 03:55 Uhr, am Freitag, 29. März 2013, um 05:42 Uhr und am Freitag, 29. März 2013, um 06:00 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Ein wichtiges Chatprotokoll des Chats, der im Anschluss der Ausstrahlung im deutschen Fernsehen des ZDF-Films "Und alle haben geschwiegen" stattfand.

ZDF @ http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Chatprotokoll-zu-Und-alle-haben-geschwiegen-26832808.html

04.03.2013

Chatprotokoll zu "Und alle haben geschwiegen"

[ Unmittelbar nach dem Film "Und alle haben geschwiegen" ( Montag, 04.03.2013, 20.15 Uhr, ZDF ) und bereits während der anschließenden Dokumentation "die Leiden der Heimkinder" gab es einen Chat, der auch auf den Internetseiten des ZDF festgehalten wurde und seither freigeschaltet worden ist. ]

[ Chatprotokoll ]

[ Die an diesem Chat Teilnehmende Fachleute waren: ]

Sachbuch- und Spiegelautor Peter Wensierski,

Drehbuchautorin Andrea Stoll,

ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger und

die Autorinnen der Dokumentation, Gesine Müller und Anja Kindler

standen im Anschluss an die Sendung zum Chat zur Verfügung.

Im Folgenden können Sie das Protokoll nachlesen:

[ Auszug, HIER, nur der Fragen, die gestellt worden sind und von PETER WENSIERSKI beantwortet worden sind. ]

GAST168 (Gast): Sehr guter Film! Absolut sehenswert, wenn auch stellenweise schwer durchzuhalten!

ESTHER HECHENBERGER: Danke. Die Realität für die Opfer war soviel schlimmer als wir es in dieser fiktionalen Verarbeitung zeigen konnten. Peter Wensierski gibt ihnen in seinem Sachbuch eine Stimme.

LILITHENELYA: Er sprach von einer Einrichtung Freistatt im Moor... wir haben hier in der Gegend so eine Einrichtung mit dem Namen... Ob er das wohl meinte...

PETER WENSIERSKI: Diakonie Freistatt ist in der Nähe von Bielefeld, eine evangelische Einrichtung der Bodelschwinghschen Anstalten; dort musste im Moor Torf gestochen werden; die Kirche hat das als Brenntoff verkauft.

JENSN.: Die Kirchen sind wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu belangen.

PETER WENSIERSKI: Die Taten der Erzieher sind alle verjährt – jursitisch.

GAST275 (Gast): Der Film ist hervorragend gemacht und es ist sehr mutig, dass dieses Thema so kritisch behandelt wurde. Auch ausgezeichnete Schauspielerinnen und Schauspieler. Der Film hat mich sehr aufgewühlt und wütend gemacht auf die Täterinnen und Täter. :-(

PETER WENSIERSKI: Ich stimme Ihnen zu, der Film zeigt den vielleicht schwärzesten Fleck in der Geschichte der Bundesrepublik.

GAST270 (Gast): 5 Jahre Prügel, Demetütigung, das war dem Jugendamt egal.

PETER WENSIERSKI: Die Jugendämter haben weg geschaut; wer sich noch gar nicht zu Wort gemeldet hat, das sind die Vormundschaftsrichter, die die Kinder meist ohne Anhörung ins Heim geschickt haben.

GAST610 (Gast): Passiert so was heutzutage auch noch?

PETER WENSIERSKI: Überall da, wo niemand hinsieht, niemand kontrolliert – Jugendämter schicken Kinder etwa zu Bauern nach Rumänien.

GAST431 (Gast): Hallo Herr Wensierski, ich arbeite immer noch an meinem Thema Gewaltschule Etterzhausen / Domspatzen!

PETER WENSIERSKI: Dort wird Öffentlichkeit auch helfen, bleiben Sie unbedingt darn!

GAST363 (Gast): Ja es stimmt ganz genau was im Film erzählt wurde.

DOKU-AUTORINNEN: Der Film basiert auf dem Sachbuch "Schläge im Namen des Herrn" von Peter Wensierski.

GAST130 (Gast): Wie stehen sie dazu, dass die Diakonie noch heute im Jahr 2013 die Menschen ausnutzt und für sich arbeiten lässt? Und dafür werden sie auch noch fürstlich bezahlt. Die Diakonie bekommt für jeden 1-Euro-Jobber monatlich 1500,-- Euro und nutzt die Arbeit der Leute für einen Euro die Stunde aus. Das ist moderne Sklaverei!!

PETER WENSIERSKI: Die Diakonie ist deswegen schwer in die Kritik geraten. Das muss sich ändern, es trägt zur Unglaubwürdigkeit der Kirchen bei. Wer seine Leute selbst schlecht behandelt, hat Vertrauen verspielt.

GAST2139 (Gast): Der Deutsche Rentenbund erkennt keine Zwangsarbeit unter 14 Jahren an, es wäre illegal. Wie kann das dann bezeichnet werden um Gerechtigkeit zu erlangen?

PETER WENSIERSKI: Die Arbeit in den Heimen war ein großes Unrecht. Die Firmen, für die gearbeitet wurde, haben sich bisher der Verantwortung entzogen.

GAST5199 (Gast): Wie konnte die Kirche das zulassen? So etwas hätte Gott nicht gewollt!!!

PETER WENSIERSKI: Diese Frage haben vor allem die katholischen Orden nicht beantwortet, die viele Heime als Träger betrieben haben.

JOERGY: Warum ist das Thema erst 2013 hervorgeholt worden? Vor 20 Jahren wäre das auch schon ein Skandal gewesen?

PETER WENSIERSKI: Weil zu viele aus den im Film dargestellten, verständlichen Gründen diese schlimme Zeit verdrängt und geschwiegen haben.
Viele haben ja nicht einmal ihren Kindern oder Partnern anvertraut, dass sie ein Heimkind waren.

MINO22: Habe vor ca einem Jahr Kontakt mit dem LVR aufgenommen und um Hilfe gebeten. Bis heute keine Reaktion.

PETER WENSIERSKI: Versuchen Sie es wieder, wenden Sie sich mit anderen zusammen an deren Pressestelle. Nicht lockerlassen.

Meike123: Wissen Sie etwas über den Hintergrund der Erzieherinnen und Erzieher? Haben die ähnliche Erfahrungen gemacht in ihrer Kindheit und deswegen geglaubt, dass ihre Methoden "normal" sind?

PETER WENSIERSKI: Es waren kaum ausgebildete Erzieher, viele waren nur angelernt, Nonnen haben oft ihren persönlichen Frust über die eigene Abschiebung (etwa durch ihre Familien) in einen Orden weitergegeben – das haben mir ein paar ehemalige Nonnen geschrieben. Und Sie haben Recht: oft wird selbst erlebte Gewalt weitergegeben.

ELKEM.: Wird heute nicht auch weggeschaut, wenn's unbequem wird?

PETER WENSIERSKI: Das stimmt. Hinschauen, Hinhören, Handeln – das ist auch die Botschaft des Films.

VEGAPOLLUX: Gibt es prominente Persönlichkeiten mit einer Heimvergangenheit?

PETER WENSIERSKI: Mario Adorf, Gottfried John, Der Sänger Quasdorf – Romy Schneider war im heimähnlichen Internat – und viele mehr.

GAST6198 (Gast): In wie fern war das Problem mit dem Missbrauch denn in den 50er/60er-Jahren bekannt?

PETER WENSIERSKI: Es war im wesentlichen nicht bekannt, obwohl es massenhaft stattfand, also in den Medien nicht bekannt; typisch war es, wenn junge Mädchen, die vergewaltigt worden waren, ins Heim kamen, der Täter straflos blieb.

GAST136 (Gast): Ich war in einem Heim und meine größpte Angst ist es....irgendwann mal in eine Senioreneinrichtung zu kommen und alles wiederholt sich.

PETER WENSIERSKI: Das ist wahr, in die Senioreneinrichtungen lohnt es sich genauer hinzuschauen. Gewiß gibt es heute bessere Kontrollen, doch was Kontrollen wert sind, zeigen die jüngsten Lebensmittelskandale.

WIRBRAUCHENEINEREVOLUTION: Der Film ist realistisch und sehr gut!

PETER WENSIERSKI: Das stimmt, aber die Realität war oft noch härter.

GAST428 (Gast): Guten Abend, ich habe keine frage, sondern möchte nur einen kleinen Beitrag leisten. Ich war 1964 für 6 Wochen in einem evangelischen Kinderheim in Bad Salzuflen. Dort sah es absolut genauso aus wie in diesem Film. Ich durfte die gesamten 6 Wochen nicht mit meinem kleinen Bruder, der damals noch nicht 4 war, sprechen. Wenn man etwas falsch machte, wurde man geschlagen. Nachts durfte ich nicht meinen Teddy im Arm halten, was sehr schlimm war, denn ich hatte ja niemanden. Wenn man etwas falsches sagte, wurde einem der Mund mit Seife ausgewaschen. Ich durfte bei gemeinsamen Aktivitäten nicht mitmachen und vor allem nichts sagen, weil ich nicht zu nahm (wir wurden jeden Tag gewogen). Als unsere Mutter anrief, wurden wir während des Telefonsats beaufsichtigt und konnten nicht frei sprechen. Es war eine schlimme Zeit, während der ich mich jede Nacht in den Schlaf geweint habe. und ich kann alle, die dort lange Zeit sein mussten, nur zutiefst bedauern.

ESTHER HECHENBERGER: Danke für Ihre Meldung. Peter Wensierskis Recherchen haben ähnliches ergeben, wie von Ihnen geschildert.

GAST431 (Gast): Hi cool, den Herrn Wensierski kenne ich auch, „Gruss vom Gosch“. Ich war damals auch in dem Gewaltheim Etterzhausen der Regensburger Domspatzen!!!

PETER WENSIERSKI: Oh je, die Domspatzen, dazu habe ich im Spiegel viel geschrieben, doch das Bistum Regensburg ist eine wirkliche Aufarbeitung schuldig geblieben, da gibt es einen sehr, sehr wunden Punkt und er wird einfach nicht angepackt. Viele Menschen leiden unter den Domspatzen-Erlebnissen noch immer und die Kirche ist ihnen gegenüber in der Pflicht!

GAST148 (Gast): Na, ob die Kirche heute noch mit solchen Sachen durchkommen würde???

PETER WENSIERSKI: Sie ist am Ende nicht damit "durchgekommen" – und das hat zu einem großen Vertrauensverlust geführt. Die Kirchen versuchen oft wie andere Institutionen auch zunächst immer ihre eigene Institution zu schützen und die Vorwürfe herunterzuspielen.

GAST2139 (Gast): Verbrechen gegen Menschlichkeit verjähren nicht Herr Wensierski.

PETER WENSIERSKI: Moralisch sowieso nicht.

KOPFWERK: Trotzallem .. Danke an Peter Wensierski .. ohne ihn wäre dieser Dreck niemals an die Oberfläche gequollen .. Danke Danke Danke ..

PETER WENSIERSKI: Danken SIe nicht mir, sondern den Heimkindern, die den Mut hatten, als Erste das Schweigen zu durchbrechen.

GAST431 (Gast): Genau, der Schein gewahrt! Das gleiche war mit Etterzhausen/Domspatzen. Der Schein wurde gewahrt und alle haben trotzdem geschwiegen. Sogar die damaligen Hausärzte wussten Bescheid und niemand hat etwas gegen die Kirche Regensburg gesagt.

PETER WENSIERSKI: Regensburg – da muss wirklich noch was geschehen. Die Kirche nimmt viel zu viel Rücksicht auf ihr Image, aber nicht auf die Betroffenen Menschen. Auch ein Altpapstbruder ist ein normaler Mensch, ich denke damit hängt es aber auch zusammen, der Unwille, wirklich aufzuklären, dass ausgerechnet der Bruder von Josef Ratzinger jahrelanger Leiter der Domspatzen war.

FREIHEIT2013: Wie teilt sich das Ganze prozentual zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche auf?

PETER WENSIERSKI: Von den 3000 Heimen im Jahre 1960 waren 50 % katholisch, etwas weniger als 30% evangelisch, der Rest staatlich, wie das im Film gezeigte Mädchenheim Fuldatal bei Kassel.

GAST431 (Gast): Und wo stellt man da einen Antrag [auf Hilfe aus dem Hilfsfonds]?

PETER WENSIERSKI: Bei den Anlaufstellen in den Ländern. Schauen Sie bitte zum Beispiel hier: http://www.abeh-berlin.de/

GAST273 (Gast): Ich war in drei Heimen, zwei davon so waren grausam. Es war von 1960 bis 1973.

PETER WENSIERSKI: Welche Heime waren das? Mögen Sie es sagen?

MATZE1010: Wie viele der Verantworlichen wurden eigentlich angemessen bestraft für ihre Taten?

PETER WENSIERSKI: Soweit ich weiß – niemand.

GAST431 (Gast): ja , was macht heute die Politik zum Thema Heimkinder, Aufarbeitung von Gewalt und der brachialen Gewalt der Kirchen damals?

PETER WENSIERSKI: Es gab den Runden Tisch Heimerziehung lesen Sie hier bitte den Abschlussbericht: http://www.fonds-heimerziehung.de/fonds/runder-tisch-heimerziehung.html . Dort finden sich auch Informationen zur "Entschädigung".

GAST291 (Gast): Es ist gut das jetzt mal alles ins Rollen kommt...und dieses heuchlerische Getue der Kirche aufgedeckt wird.

PETER WENSIERSKI: Öffentlichkeit ist immer gut, wenn Dinge verschwiegen werden (sollen).

MUELLERMAMUB: Den ehemaligen Kindern, die solche Heime "besuchen" durften, glaubt niemend. Ohne Eigenkapital keine Lobby oder?

PETER WENSIERSKI: Stimmt so nicht. Es gab die Anhörungen im Bundestag – wie im Film gezeigt. Man hat den Heimkindern geglaubt. Viele haben inzwischen im Fernsehen oder Radio berichtet, eigene Bücher geschrieben. Es hat sich was geändert seit 2003.

ROSEM16: Bestimmt waren die staatlichen Heime auch so schlimm.

PETER WENSIERSKI: Die haben sich alle nicht viel genommen, aber in den kirchlichen Heimen haben die Kinder den Widerspruch zwischen Reden und Handeln besonders krass erlebt.

GAST585 (Gast): Wären sie evtl. noch ermittelbar, gab es Bewohner/Insassen-listen? (wegen Ermittlung von Todesfällen in Heimen oder Suizidfällen aufgrund des Heimaufenthalts? Zumindest wärend der Zeit im Heim?

PETER WENSIERSKI: Nein, das ist sehr schwer. Da fehlen zu viele Akten.

GAST1291 (Gast): Die Heimkinder liefen im Winter mit kurzen Lederhosen und Strumphosen herum. Der Heimleiter erklärte "wir müssen den Jungen das Rückgrat brechen und Sie dann neu aufbauen zu können". 10 Jahre später erlebte ich Ähnliches in der Drogeneinrichtung Schloss Wolfsmünster.

PETER WENSIERSKI: Typisch: den Willen des Kindes brechen – das war eine Erziehungsvorstellung der Nazizeit, die bis heute nachwirkt.

MYDIDIER: Herr Wensierski, waren bei Ihren Recherschen auch das Heim für Schererziehbare Utft/Eifel dabei?

PETER WENSIERSKI: Nein, von den 3000 Heimen kenne ich nicht alle. Ihres leider auch nicht.

GAST396 (Gast): Will die kath: Kirche denn nie umdenken und die Verantwortlichen wirklich zur Verantwortung ziehen ???

PETER WENSIERSKI: Fragen Sie das bitte direkt Ihren Bischof im Bistum. Ich glaube, ein direkter Kontakt ist immer gut.

STERNTALER68: Ich wurde von meinen eigenen Eltern über 15 Jahre mit dem Rohrstock geschlagen.

PETER WENSIERSKI: Das tut mir sehr leid, solche Fälle kenne ich viele. Auch das war zu jener Zeit schon ein Unrecht. Allerdings wurde die Erlaubnis zur elterlichen Züchtigung erst sehr spät entzogen.

GEORGMUENZ: Warum gibt unser Staat nach wie vor seine Ausbildungsverantwortung diesen Kirchen?

PETER WENSIERSKI: Ohne wirkliche Selbstkritik der Kirchen (Im Film: "Das müssen Sie verstehen") seh ich da auch schwarz.

MARIANO: Gibt es auch Untersuchungen darüber, was Kindern, die zur "Erholung" in solchen Heimen weilten (für 4 Wochen) angetan worden ist?

PETER WENSIERSKI: Da habe ich viel Post bekommen, im Prinzip wurde dort stets Ähnliches wie in den Heimen erlebt, nur begrenzter, eben auf vier Wochen.

BARFÜSSER: Ich habe im April einen Termin in der Stuttgarter Stelle, leider gibt es keine Akten mehr über mich bei der Behörde und ich kann es natürlich nicht mehr beweisen dass ich im Heim war – schlechte Aussichten?

PETER WENSIERSKI: Eigentlich sollte unbürokratisch geholfen werden. Wenn es keine Akten gibt, so habe ich die Erfahrung, dann gibt es wenigstens Listen ind en Jugendämtern, darüber, wer im Heim war. Fragen Sie mal danach. Ausserdem waren oft doch Akten da, wenn erst gesagt wurde, da ist nichts.

GAST5284 (Gast): Gibt es eignetlich die Möglichkeit mit Hern Wensierski Komntakt wegen der Recherchen aufzunehmen, ob es da auch Akten über das Annakloster gibt?

PETER WENSIERSKI: Das Annakloster kenne ich nicht.

GAST5207 (Gast): @ Peter: gibt es Zahlen? 800.000 ware im Heim – aber wieviele berichten davon?

PETER WENSIERSKI: Das waren 800 000 in etwa 30 Jahren, die sind heute theoretisch teils über 70, teils um die 50- 60 Jahre alt, aber viele schon verstorben.

HEIDIDETT: Es gibt keine Entschädigung – dass sich nur keiner Hoffnung mache.

PETER WENSIERSKI: Naja, sie können schon etwas bekommen – hörte gerade heute von einem Heimkind, die letzte Woche 10 000 aus dem Fonds erhielt.

GAST4268 (Gast): Es kam ja im schleswig-holsteinischen Glückstadt zu einem Aufstand in einem Heim, sind noch mehr derartige Ereignisse bekannt?

PETER WENSIERSKI: Nicht viele, aber vor allem in Hessen 1969 während der Heimkampagne. Auch in Köln.

MUELLERMAMUB: Hat die Kirche aus der Vergangenheit gelernt?

PETER WENSIERSKI: Nicht wirklich.

GAST4261 (Gast): Gibt es Leute, bei denen Therapien doch etwas gebracht haben? Bei Luisa im Film haben sie nichts gebracht.

PETER WENSIERSKI: Doch gibt es. Aber es ist schwer, einen richtigen Therapeuten zu finden, viele kannten bis vor kurzem die Problematik gar nicht. Insofern trägt der Film oder mein Buch auch dazu etwas bei.

WÜSTENMAUS1961: Auf eine Besonderheit der katholischen Kirche sollte hingewiesen werden. Um die Missstände zu vertuschen war auch Ende der 70er Anfang der 80er seitens der katholischen Kirche Butterbrot und Peitsche angesagt. Im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen hatte ich mit dem Bistum Mainz mein persönliches Erlebnis. Die Bestechung für das Schweigen akzeptieren oder die juristische Keule. Und heute? Schriftlich wurde mir vom Bistum Mainz mitgeteilt, dass zu den damaligen Vorkommnissen keine Unterlagen mehr vorhanden wären. Möge daran glauben wer möchte, mir fehlt er.

PETER WENSIERSKI: Sie sollten das Bistum in die Pflicht nehmen, gerade in Mainz gab es mehrere Fälle. Der dortige Generalvikar sagte mir neulich, er habe viel dazugelernt. Prüfen Sie das doch mal bei ihm nach! Nur Mut!

JOERGY: Was hat die "Erzieherinnen" getrieben sich so unmenschlich zu verhalten? Glaubten Sie wirklich im Recht gewesen zu sein?

PETER WENSIERSKI: Ich hab mich mehr für die Betroffenen interessiert. Sicher, die Täter waren oft selbst "arme Schweine", aber eben doch Täter.

GAST275 (Gast): Ich bin wirklich schockiert. Ich fand Berichte und den Film über die Magdalenenheime, die "Magdalene Laundries" in Irland und Kanada furchtbar, in denen die katholische Kirche auch erwachsene unschuldige Frauen manchmal lebenslang einsperrte und ihre Arbeitskraft ausbeutete. Dass das in deutschen Heimen auch mit Kindern so gemacht wurde, auch z.B. die harte Arbeit, ist wirklich unfassbar. Und dann diese furchtbare Brutalität. Ich frage mich wirklich, welche seelischen Abgründe bei diesen Nonnen und frommen Brüdern und im System Kirche so was möglich machen.

PETER WENSIERSKI: Dazu habe ich natürlich mehr noch in meinem Buch geschrieben. Ich hatte es auch anfangs nicht für möglich gehalten, dass es Einrichtungen wie die "Diakonie Freistatt" bis 1972 gegeben hat.

KOPFWERK: Lieber Peter Wensierski ... es ist noch so viel im Dunkeln ... ich bitte Sie den Fall des Norbert M .. seinerzeit im Salvator Kolleg Paderborn – aufzubrechen. Der Fall ist Aktenkundig. Alles in den Akten geschrieben .. auch der Missbrauch. Unter dem Vorwand Norbert soll wegen einer Adoption im Bistum Paderborn vorsprechen wurde er dem Weihbischof vorgeführt ... Bitte An Kopfwerk@web.de wenden .. PS. Ich hatte mit Ihnen schon private Gespräche ... es grüßt Peter R.

PETER WENSIERSKI: Darüber sollten wir uns nochmal unterhalten.

GAST1160 (Gast): Ich möchte auch gerne Akteneinsicht haben – kann der Kreis für Heimkinder hier behilflich sein ???

PETER WENSIERSKI: Sie haben laut Runden Tisch ein Recht auf Akteneinsicht. Schauen Sie bitte hier nach: http://www.fonds-heimerziehung.de/fonds ... ehung.html .

STAFFELBERGER RAINER: Wir vom Staffelberg waren die ersten, die das Schweigen durchbrachen Herr Wensierski.

PETER WENSIERSKI: Das stimmt, Staffelberg 1969. Aber leider ist in den 80er und 90er Jahren alles wieder vergessen worden.
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, drei Beiträge von »martini« vom Freitag, 29. März 2013, um 03:55 Uhr, Freitag, 29. März 2013, um 05:42 Uhr und Freitag, 29. März 2013, um 06:00 Uhr, Beitrag 49, Beitrag 50 und Beitrag 51 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374813 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ], @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374815 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ] und @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374816 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 1:34 pm

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Am Mittwoch, 27. März 2013, um 11:19 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Ein wichtiges Chatprotokoll des Chats, der im Anschluss der Ausstrahlung im deutschen Fernsehen des ZDF-Films "Und alle haben geschwiegen" stattfand.

ZDF @ http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Chatprotokoll-zu-Und-alle-haben-geschwiegen-26832808.html

04.03.2013

Chatprotokoll zu "Und alle haben geschwiegen"

[ Unmittelbar nach dem Film "Und alle haben geschwiegen" ( Montag, 04.03.2013, 20.15 Uhr, ZDF ) und bereits während der anschließenden Dokumentation "die Leiden der Heimkinder" gab es einen Chat, der auch auf den Internetseiten des ZDF festgehalten wurde und seither freigeschaltet worden ist. ]

[ Chatprotokoll ]

[ Die an diesem Chat Teilnehmende Fachleute waren: ]

Sachbuch- und Spiegelautor Peter Wensierski,

Drehbuchautorin Andrea Stoll,

ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger und

die Autorinnen der Dokumentation, Gesine Müller und Anja Kindler

standen im Anschluss an die Sendung zum Chat zur Verfügung.

Im Folgenden können Sie das Protokoll nachlesen:

[ Auszug, HIER, nur der Fragen, die gestellt worden sind und von ESTHER HECHENBERGER beantwortet worden sind. ]

GAST535 (Gast): Hallo, ein ganz toller bewegender Film!

ESTHER HECHENBERGER: Danke für dieses Lob, wir geben es sehr gerne an sämtliche Beteiligte weiter, die alle für dieses Projekt sehr großen Einsatz gezeigt haben.

GAST270 (Gast): Der Film zeigt nicht mal annähernd was wirklich passiert ist.

ESTHER HECHENBERGER: Ja, das ist uns bewusst. Aber wir hielten es für wichtig, dieses Thema einem großen Publikum zugänglich zu machen. Wie schlimm es wirklich war, erzählt auch die Doku im Anschluss.

GAST168 (Gast): Sehr guter Film! Absolut sehenswert, wenn auch stellenweise schwer durchzuhalten!

ESTHER HECHENBERGER: Danke. Die Realität für die Opfer war soviel schlimmer als wir es in dieser fiktionalen Verarbeitung zeigen konnten. Peter Wensierski gibt ihnen in seinem Sachbuch eine Stimme.

VEGAPOLLUX: Sicherlich gab es die Verhältnisse in allen Konfessionen. Auf Twitter aber z. B. liest man zum Film ausschließlich katholisch-kritische Kommentare. Im Film wurde ein Diakonien-Heim (protestantisch) gewählt. Sicherlich haben Sie sich lange überlegt, ob man eine katholische oder protestantische Einrichtung zeigt. Wie fiel die Entscheidung?

ESTHER HECHENBERGER: Ja diese Verhältnisse gab es in beiden Konfessionen gleichermaßen. Wir haben uns für ein protestantisches Heim entschieden, um nicht auf die dauernden Debatten rund um die katholische Kirche "aufzuspringen" – das hätte für uns zuviel Aufmerksamkeit von den Zuständen ansich, die wir erzählen, abgezogen. Und schließlich hatte auch der sehr schwierig zu findende Drehort Einfluss auf diese Entscheidung.

MADDIN_81: Was hat das ZDF bewegt, diesen Film zu zeigen?

ESTHER HECHENBERGER: Alle am Film kreativ Beteilgten hat erschüttert, wie wenig bekannt diese gesamten Geschehnisse bis heute sind. Viele der Opfer haben bis heute geschwiegen. Manchen von ihnen haben erst durch diesen Film ihr Schweigen gebrochen. Allein dafür hat es sich gelohnt. Das Thema ist es wert erzählt zu werden.

GAST4124 (Gast): Glückwunsch zu diesem grandiosen Film! Mehr hätte man dem Zuschauer leider auch nun nicht zumuten wollen oder können.

ESTHER HECHENBERGER: Ja so ist es leider. Mehr konnten wir nicht zeigen. Wir hoffen aber, dass viele Zuschauer wachgerüttelt wurden – gerade die, denen diese Zustände bisher nicht bekannt waren.

GAST267 (Gast): ....und das in den 60er Jahren? Das ist ja nicht zu glauben!?

ESTHER HECHENBERGER: Ja, das war auch für uns eine große Motivation den Film zu machen. Denn dieser zeitliche Bezug ist beim ersten Lesen der Opferberichte nicht zu glauben. Mit den 60er [Jahren] verbindet man eben den Aufbruch und die Revolution. Auch im Schulunterricht hatte niemand von uns je mit diesem Thema Berührung gehabt.

GAST363 (Gast): Ich habe Ähnliches erlebt im Erziehungsheim in Bretten bei Karlsruhe.

ESTHER HECHENBERGER: Danke für Ihre Meldung. Bei den ersten Vorführungen des Films haben wir immer wieder Betroffene kennengelernt, die die erzählten Ereignisse so oder ähnlich (meist schlimmer) erlebt haben.

GAST1188 (Gast): Haben die Verantwortlichen der Kirche diesen Film gesehen?

ESTHER HECHENBERGER: Ja es gibt führende Vertreter beider Konfessionen, die den Film bereits gesehen haben, ebenso MiItglieder des Runden Tisches [Heimerziehung] des Bundestages.

GAST4153 (Gast): Dieser Film ist es mal wert Rundfunkgebühren zu zahlen.

ESTHER HECHENBERGER: Danke für Ihre Meldung. Wir werden es an alle Kreativen des Projektes weitergeben. Sie können sich aber auch sicher sein, dass wir auch im Moment Stoffe entwickeln, die ähnlich gewichtige Themen erzählen werden. Seien Sie gespannt!

IMKACHEN: Arbeite im ambulant betreuten Wohnen psyisch Erkrankter und Traumatisierter – hätte Interesse an vertiefenden Infos zum Thema. Ggibt es da eine Anlaufstelle?

ESTHER HECHENBERGER: Auf unseren Infos zum Film auf der zdf.de [Internetplattform] finden Sie einen Link für Betroffene.

GAST18 (Gast): Filme [mit] solchen Themen sieht man im Privatfunk (RTL, SAT1, PRO7) nicht. Danke ans ZDF.

ESTHER HECHENBERGER: Danke. Das ZDF sieht sich in der Pflicht solche Themen einem großen Publikum zugänglich zu machen.

GAST428 (Gast): Guten Abend, ich habe keine frage, sondern möchte nur einen kleinen Beitrag leisten. Ich war 1964 für 6 Wochen in einem evangelischen Kinderheim in Bad Salzuflen. Dort sah es absolut genauso aus wie in diesem Film. Ich durfte die gesamten 6 Wochen nicht mit meinem kleinen Bruder, der damals noch nicht 4 war, sprechen. Wenn man etwas falsch machte, wurde man geschlagen. Nachts durfte ich nicht meinen Teddy im Arm halten, was sehr schlimm war, denn ich hatte ja niemanden. Wenn man etwas Falsches sagte, wurde einem der Mund mit Seife ausgewaschen. Ich durfte bei gemeinsamen Aktivitäten nicht mitmachen und vor allem nichts sagen, weil ich nicht zu nahm (wir wurden jeden Tag gewogen). Als unsere Mutter anrief, wurden wir während des Telefonsats beaufsichtigt und konnten nicht frei sprechen. Es war eine schlimme Zeit, während der ich mich jede Nacht in den Schlaf geweint habe. und ich kann alle, die dort lange Zeit sein mussten, nur zutiefst bedauern.

ESTHER HECHENBERGER: Danke für Ihre Meldung. Peter Wensierskis Recherchen haben ähnliches ergeben, wie von Ihnen geschildert.

KURTWALD: DANKE, DANKE, DANKE allen, die diesen Film und die Dokumentation möglich gemacht haben – sie haben Hunderttausenden eine Stimme gegeben!

ESTHER HECHENBERGER: Danke für Ihre Meldung. Je länger wir an diesem Film gearbeitet haben, desto größer schien uns der Auftrag ihn tatsächlich zu erzählen.

ROSEM16: Das war ja ein sehr sehr anrührender Film, es ging mir soo sehr ans Herz!!! War das wirklich soooo schlimm???? Aber es ist doch heute nicht mehr so. Ich bin auch bei der Diakonie beschäftigt, als Altenplegerin, und ich mach meinen Beruf von ganzem Herzen!!

ESTHER HECHENBERGER: Leider war es noch sehr viel schlimmer als wir hier gezeigt haben.

GAST5207 (Gast): @ Esther: Und wie waren die Reaktionen der Vertreter der Konfessionen?

ESTHER HECHENBERGER: Die, die auf unsere Einladung gekommen sind (...) haben ihn als richtig und wichtig angesehen. Der Film wird auch in den konfessionellen Foren diskutiert.

GAST2192 (Gast): Ich denke, dass dieser Film nur einen winzigen Teil der Spitze des Eisberges beleuchtet. Im Film wurden die Verbrechen innerhalb der Kirche gezeigt. Aber der ganze Apparat im Hintergrund (Ämter, Vormundschaftsrichter und weitere beteiligte Staatsorgane) sind nicht minder schuldig. Es wäre wichtig, auch deren Rolle ans Licht zu bringen und zu thematisieren. Nach heutigen Standards würden solche Sachen vor den Gerichtshof in Den Haag landen.... zu Recht. Liebes ZDF. Das ist Aufklärungsfernsehen, wie es sich für einen öffentlichen Sender gehört. Weiter so!!!

ESTHER HECHENBERGER: Danke für die Motivation, der wir uns verpflichtet fühlen.

Alles weitere muß jeder selbst im Original @ http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Chatprotokoll-zu-Und-alle-haben-geschwiegen-26832808.html nachlesen und überprüfen.
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, Beitrag von »martini« vom Freitag, 29. März 2013, um 12:02 Uhr, Beitrag 52 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374870 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Fr Jun 14, 2013 3:31 am

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Am Samstag, 30. März 2013, um 03:47 Uhr und am Samstag, 30. März 2013, um 04:02 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Gängige Kriterien und Praktiken beim Filmemachen in der Bundesrepuiblik Deutschland und beim Vorführen in Deutschland von im Ausland hergestellten Filmen.

Wer und was bestimmt die Themen und den Inhalt deutscher Filme und was in Deutschland vorgeführt und ausgestrahlt wird, und überhaupt „sendefähig“ ist ( d.h. dem deutschen Publikumzugemutet werden kann“, oder vielmehr was man dem deutschen Publikumzumuten will“ / „nicht zumuten will“ ), besonders dann wenn es sich inhaltlich, zu welchem Zeitpunkt auch immer, um die deutsche Gesellschaft und die deutsche Geschichte handelt.


The strict observance of the unwritten rules of filmmaking and presentation in Germany.


Filmkritiker Dr. Dietrich Kuhlbroth klärt auf: ERSTE TEIL VON ZWEI TEILEN.


Warum es so ist in Deutschland wie es ist.

Wie würde eine Filmkritik von Dietrich Kuhlbroth zum ZDF-SPIELFILM "Und alle haben geschwiegen" ausfallen", wenn er, Dietrich Kuhlbroth, solch eine Kritik schreiben würde ?


»DIETRICH KUHLBROTH ( * 15. Oktober 1932 in Hamburg ) ist ein deutscher Jurist, Autor und Schauspieler, der in seiner Geburtsstadt lebt. Der Oberstaatsanwalt a.D. schreibt seit 1957 Film- und auch Theaterkritiken.« ( QUELLE: WIKIPEDIA @ http://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Kuhlbrodt ( auch das muß man unbedingt erst einmal lesen ) ).

»Historische Revisionen oder Nazis immer besser, oder Linke immer marginaler« : DIETRICH KUHLBROTH @ http://www.filmzentrale.com/essays/historischerevisionendk.htm . Dietrich Kuhlbrodt ist Verfasser des Buches: Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser, 2006 erschienen im: konkret literatur verlag [ @ http://www.konkret-verlage.de/klv/ ].

[ the beginning of the article ]

Nach 1945 gab es vier Strategien, den Deutschen, die nun Ex-Nazis geworden waren, zu versichern, dass vorbei nicht vorbei ist. Wir sind nach wie vor Deutsche. Und dass es nur das nach wie vor feindliche Ausland ist, das Deutsche als Nazis vorführt. Solche Filme galten als „antideutsch“.

Sie hatten keine Chance im Kino. Ein Film wie „Casablanca“ wurde um das Antideutsche bereinigt und von 120 auf 80 Minuten gekürzt. United Artists übte „aus verleihtechnischen Gründen“ Selbstzensur und brachte den Film 1952 ins Kino. Den wirtschaftlichen Erwägungen der ausländischen Verleihe, denen sich in der jungen Bundesrepublik Deutschland (BRD) ein relevanter Markt eröffnete, kam bereits 1949 die Britische Besatzungsmacht zur Hilfe, die die Einfuhr des dänischen Films „Die roten Wiesen“ untersagte, da “der Streifen antideutsch sei und deshalb unter den Zuschauern unerwünschte Regungen hervorrufen könnte“.

In den fünfziger Jahren wurde im deutschen Film die Strategie des Wir-Deutsche-waren-keine-Nazis schon aus dramaturgischen Gründen verbessert. Es gab im Einzelfall doch einen Nazi, und der war der Böse. Das hatte den Vorteil, dass alle anderen Deutschen die Guten waren. Die vielen Militärfilme dieser Zeit waren nach dem Muster gestrickt, dass es in der Wehrmacht keine Nazis gab, ja dass alles gutgegangen wäre, wenn es nicht einen Verräter, Spion, Kommunisten oder einen fiesen Gestapobonzen gegeben hätte. Zu diesen Filmen zählt auch „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1959), der erste deutsche Film über den Untergang der Wilhelm Gustloff 1945 in der Ostsee. Da es seit März 2008 den zweiten deutschen Gustloff-Film („Die Gustloff“) gibt, haben wir Anlass, die Filme „Der Untergang“ und „Die Gustloff“ zu vergleichen.

Zunächst aber ist etwa mit Beginn des neuen Jahrhunderts ein nationalistischer Strategiewechsel zu konstatieren. Es bleibt beim nationalen Wohlgefühl des „Wir-sind-Deutsche-und-bleiben es“. Basta. Neu aber ist: dass es schlimm ist, mal Nazi gewesen zu sein, soll uns das Ausland nicht mehr einreden. Nazis sind Faszinosum. Die coole These: Wir haben klasse Nazis in der VIP-Lounge, vulgo Reichskanzlei, aber die sind bühnenreif, mythentauglich, Popgrößen, Vorbild für uns alle. In einem Film wie „Der Untergang“ (2004) lud der neue Nazi-Modus zum Mitspielen ein und zur Wiederholung. Der Film hätte besser als „The Return of Adolf“ betitelt werden sollen. Mit diesem Hitler identifizierten sich zig Millionen Zuschauer.

Sicherlich kam dieser Film nicht aus dem Nichts. Sehen wir an dieser Stelle vom kaum gesehenen Film „Hitler, ein Film aus Deutschland“ ab (Hans Jürgen Syberberg, 1977), müssen wir die faszinierende Ambivalenz eines Films von Rainer Werner Fassbinder notieren: „Lili Marleen“ (1980). Hitler kommt nicht direkt ins Bild. Umso glamouröser ist die Szene, in der Hanna Schygulla die große Treppe hinaufschreitet. Zu ihm. Die Flügeltüren öffnen sich. Ein unbeschreiblicher Glanz quillt heraus. Der Führer! Der größte Star aller Zeiten!

War aber nur zwölf Jahre vor „Lili Marleen“ nicht das Jahr 1968 gewesen? Gab es nicht linke Filme? Doch erinnert sich wer daran? Spielt diese Zeit heute ein Rolle? Im Film, in Deutschland? Marginal vielleicht, aber was zählt, sind Zuschauerzahlen im Kino und Einschaltquoten im Fernsehen. Beides bittschön zusammenaddiert. Der deutsche Film muss prime-time-tauglich, mindestens aber sendefähig sein, und da das Fernsehen in großem Ausmaß Filme koproduziert, sorgt es auch fürs passende Format. Als Eigenproduktion („Die Gustloff“, 2008 ) macht das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) schon mal zehn Millionen Euro locker. Die Filmförderungen der Bundesländer finanzieren die TV-Produktion mit. Weiter ist zu beachten, dass die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten Erstes Deutsches Fernsehen (ARD) und Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) sich von den Gebühren finanzieren, die jeder Fernsehkucker in Deutschland zwangsweise bezahlen muss, auch wenn er ARD und ZDF gar nicht sieht. Zu beachten ist weiter, dass die öffentlichrechtlichen Anstalten als offizielle wahrgenommen werden. Die Ideologie von Filmen wie „Der Untergang“ und „Die Gustloff“ wird amtlich. Und ihr war durch das offizielle Fernsehen längst der Boden bereit. Nehmen wir als Beispiel die alles dominierende Wirkungsmacht des Chefdokumentaristen Guido Knopp, der im Zweiten Deutschen Fernsehen zig Millionen Zuschauern die alten Nazis nahebrachte, so nah, dass sie von hohem Unterhaltungswert waren, allseits geschätzte Gestalten. Wir dürfen mit Guido Knopp diese Entwicklung auf das Jahr 1998 ansetzen. Ein Film wie „Der Untergang“ wäre ohne diesen Boden, den das ZDF jahrelang bereitete, nicht denkbar gewesen.

Und noch eine letzte Bemerkung, bevor von den beiden Filmen näher die Rede ist. Die Rechtspresse schickte beiden Filmen eine Mordskampagne vorweg. In der linken Ecke blieb man wieder unter sich. Das „amtliche“ Fernsehen wird Meinungsführer der Politik von rechts.

Der Untergang (Oliver Hirschbiegel 2004) ...

The Return of Hitler hieße das unter Filmkennern. - Im September 2004 ist "Der Untergang" gestartet, aber schon Monate zuvor war eine Mordskampagne angerollt. Die Hitlerpresseführer Spiegel/Springer stiefelten als erste los und verhalfen dem Film in einer Großoffensive zum Durchbruch. Das Wochenmagazin Der Spiegel räumte der Hitlertitelstory 20 Seiten ein und war sich "schon jetzt sicher, dass 'Der Untergang' Furore machen wird", da dem "Drama ein reales Gesicht" gegeben sei; nein, nicht nur dem Spiegeldrama, sondern "Hitler (sei) ein Gesicht" gegeben, dem "Hitler als Mensch", posaunte die Tageszeitung "Die Welt". Im Text raunt es dann ergriffen vom Antlitz, und es wird uns eingeredet: "Wir schauen in ein Antlitz, das vor Milde schimmert". Springers auflagenstarkes Boulevard-Organ "Hamburger Abendblatt" brachte gar das deutsche Abendland zum Klingen und gab der Story über den Hitlerdarsteller den Titel: "Bruno Ganz - vom 'Faust' zum 'Führer'".

In Worten des Produzenten, Bernd Eichinger, soll ein populistisch unterfütterter rechtskonservativer Ruck durch Deutschland gehen. - Nicht Ruck, sondern "Schwung" heißt bei Hitler ("Es muss wieder Schwung in die Sache"). "Der Untergang" dient einer Politik als Vehikel, die den Führer wieder heim ins Reich holt. 2004: wieder deutsch sein dürfen. Eichinger: "Wir haben diesen Film in deutscher Sprache gedreht, mit deutschen Schauspielern und mit einem deutschen Regisseur, ausschließlich aus eigener Kraft auf die Beine gebracht“. Die rechtskonservative Zeitung „Die Welt“ wird ungewohnt explizit. Im Wortlaut: "'Der Untergang' ist ein Zeichen der Emanzipation. ... Das ordnet sich ein in einen allgemeinen Perspektivenwechsel, der etwa seit der Jahrhundertwende im deutschen Geschichtsbewusstsein stattfindet und vielleicht einmal als die entscheidende politische und kulturelle Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden wird. In der anschwellenen Flut der Familienliteratur wird ein Bedürfnis wenn nicht nach Versöhnung mit der 'Tätergeneration' so doch nach Verständnis bearbeitet; Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg werden als Leidensgeschichte erinnert und der politischen Instrumentalisierung entrissen; der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kehrt langsam auch ins Bewusstsein der Deutschen zurück". Die „Entscheidungsschlacht“ für die „entscheidende politische und kulturelle“ Wende ist eröffnet. "Der Untergang", "Signatur des 21. Jahrhunderts", sagt, dass man endlich das sagen darf, was man immer hätte sagen wollen. Das, was in den 50er Jahren als Kontinuität gebrandmarkt wurde, wird jetzt von unseren neonationalen Kampagnarden legitimiert. Hitler ist nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil. "Der Untergang" ist seine Wiederkehr.

... sein Kontext ...

Die Propagierung Hitlers als leidenden Menschen, als Opfer, kam nicht von ungefähr. Mit einiger Verspätung wurde lediglich vollzogen und konservativ instrumentalisiert, was seit Susan Sontags „unser Hitler, der Hitler-in-uns“ angelegt war, 1979 in der New York Review. Die Päpstin des camp erhob den Film „Hitler, ein Film aus Deutschland“ (Hans Jürgen Syberberg 1977) zum „größten Film aller Zeiten“. In Italien war es Vito Zagarrio, dem im Syberberg-Film eine „nazistische Utopie mit menschlichem Antlitz“ aufschien. In Deutschland hingegen befremdete der Film. Er wurde damals von wenigen Ausnahmen abgesehen mit Schweigen übergangen.

Ende der neunziger Jahre veränderte sich die Stimmung. In Berlin/Zürich/New York waren 1999 Piotr Uklanski’s „The Nazis“ erschienen: seine Sammlung von Postern und Filmstills, die Hollywoods Schauspielerelite in Naziuniformen zeigte. Das Buch kommentierte die ganzseitigen Posen nicht. Die Nazis waren geil geworden. Die Ausstellung wanderte durch Deutschland. In New York wurde sie im Jewish Museum gezeigt. Hitler und die Nazis wurden im Lauf der folgenden Jahre auch in Deutschland enttabuisiert.

Die Verlagerung in den Kunst-, Pop- und Entertainmentbereich entsprach in Deutschland Tendenzen, diesen Wechsel auch für das nationale Schreckgespenst der Roten Armee-Fraktion (RAF) zu versuchen. Prototyp ist der Film „Baader“ (Christopher Roth 2002). Der RAF-Boss Baader posiert als Möchtegern-Popstar. Aber wir können von keinem Trend sprechen, der sich auch nur annähernd mit den Pop-Nazis vergleichen ließe. Wenn die Tabuisierung im linken Bereich anhält, dann spiegelt der deutsche Film die politische Lage wieder, wie sie von den Meinungsführern, und das ist die neokonservative Presse und ihre Medien, definiert wird. Linke Filme sind marginalisiert, die rechten haben extreme Öffentlichkeit.

Den von den rechtskonservativen Medien geführten Kampagnen für die Filme „Der Untergang“ (2004) und „Die Gustloff“ (2008 ) blieb es vorbehalten, die ins Entertainment gerutschten Nazis zu instrumentalisieren. Stichwort: neu/alte nationale Werte.

... und seine Zeit

Der mit durchschlagendem Erfolg propagierte „Untergang“ – weltweit 500 Millionen Zuschauer – wird nachhaltig das Bild bestimmen, dass sich Deutschland vom obersten Nazi gemacht hat. Dieser Film steht freilich nicht allein. In den Jahren seit 2000 gibt es in Deutschland verwandte Filme, von den weniger oder gar kein Aufheben gemacht wurde, - Filme, die ihrerseits darauf bestanden, dass ihre Nazis die besseren waren, weil sie faszinierten („Napola – Elite für den Führer“), ästhetisch ansprachen („Ewige Schönheit“), so nahe stehen wie die eigene Familie („Winterkinder“) oder gar zu Juden ins Kuschelbett schlüpften (Adolf Hitler in „Mein Führer“).

Ewige Schönheit. Film und Todessehnsucht im Dritten Reich (Marcel Schwierin 2003)

"Vom Nationalsozialismus geht bis heute eine merkwürdige Faszination aus. Was blieb, waren die Bilder - sehr sorgfältig inszenierte Bilder. In ihren Filmen schufen sie Visionen einer anderen besseren Welt. Eine Welt der Ordnung, der Größe und des Ruhmes, eine Welt der ewigen Schönheit". Mit dieser These eröffnet Doktorand Marcel Schwierin seinen Film, und selbstverständlich belegt er in einer sorgfältig montierten Bildfolge sein Faszinosum nationalsozialistischer Filmästhetik, seminarmäßig in Ordnung gebracht, beraten von den Professoren, gefördert vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Selten Gezeigtes ist zu sehen. Wie die Juden Kühe schächten, ist immer noch unschön, sagt uns die off-Stimme, und irgendwie hängt das mit dem "Relativitätsjuden" Einstein und dem "Ewigen Juden" überhaupt zusammen, womit wie arglos das perfideste Hetzwerk zitiert wird.

Der Autor will aber woanders hinaus, und wir wollen ihn zu Wort kommen lassen. "Mein Vater ist Politologe, und von daher hatte ich eigentlich das Gefühl, dass sich alle Fragen zum Nationalsozialismus für mich beantwortet hätten. Aber ich hatte mir nie die Frage gestellt, welche positive Motivation Hitler hatte. Wo wollte dieser Mann eigentlich hin, wovon träumte er? Ich wollte wissen, wenn ich den Holocaust ausblende, wenn ich die Verbrechen ausblende, wieweit könnte ich dieser Faszination erliegen? Das war wie ein Selbstexperiment. Mir ging es auch darum, dass man die Bildsprache der Nationalsozialisten nachvollziehen kann. Wesentlichstes Merkmal ist sicherlich die Inszenierung des Realen. Dem Nationalsozialismus schwebte eine ideale Gesellschaft als Gesamtkunstwerk vor, in der alles auf das Schöne ausgerichtet war."

Treffender kann man das nicht ausdrücken, wenn man das Ergebnis dieses Gesamtkunstwerkes von Film und Dissertationsprojekt betrachtet. Da hat einer die Nase voll von Vätern und Vergangenheitsbewältigern. Unsere jüngste Generation nimmt die Dinge selbst in die Hand und erkennt, so die off-Stimme, dass es den Nationalsozialisten im Grunde nicht um die Juden ging, sondern um ein Antibild, die Welt in gut und böse zu teilen. Und wir sind die Guten.

[ Im ORIGINAL dieses Artikels »Historische Revisionen« @ http://www.filmzentrale.com/essays/historischerevisionendk.htm sind auch all relevanten jeweilig dazugehörige direkte Links des besprochenen Films angebracht – und DORT anklickbar ]
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, zwei Beiträge von »martini« vom Samstag, 30. März 2013, um 03:47 Uhr und Samstag, 30. März 2013, um 04:02 Uhr, Beitrag 53 und Beitrag 54 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374984 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ] und @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374985 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Fr Jun 14, 2013 4:05 am

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Am Mittwoch, 27. März 2013, um 04:32 Uhr und am Donnerstag, 28. März 2013, um 04:45 Uhr berichtete ich in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Gängige Kriterien und Praktiken beim Filmemachen in der Bundesrepuiblik Deutschland und beim Vorführen in Deutschland von im Ausland hergestellten Filmen.

Wer und was bestimmt die Themen und den Inhalt deutscher Filme und was in Deutschland vorgeführt und ausgestrahlt wird, und überhaupt „sendefähig“ ist ( d.h. dem deutschen Publikumzugemutet werden kann“, oder vielmehr was man dem deutschen Publikumzumuten will“ / „nicht zumuten will“ ), besonders dann wenn es sich inhaltlich, zu welchem Zeitpunkt auch immer, um die deutsche Gesellschaft und die deutsche Geschichte handelt.


The strict observance of the unwritten rules of filmmaking and presentation in Germany.


Filmkritiker Dr. Dietrich Kuhlbroth klärt auf: ZWEITE TEIL VON ZWEI TEILEN.


Warum es so ist in Deutschland wie es ist.

Wie würde eine Filmkritik von Dietrich Kuhlbroth zum ZDF-SPIELFILM "Und alle haben geschwiegen" ausfallen", wenn er, Dietrich Kuhlbroth, solch eine Kritik schreiben würde ?


»DIETRICH KUHLBROTH ( * 15. Oktober 1932 in Hamburg ) ist ein deutscher Jurist, Autor und Schauspieler, der in seiner Geburtsstadt lebt. Der Oberstaatsanwalt a.D. schreibt seit 1957 Film- und auch Theaterkritiken.« ( QUELLE: WIKIPEDIA @ http://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Kuhlbrodt ( auch das muß man unbedingt erst einmal lesen ) ).

»Historische Revisionen oder Nazis immer besser, oder Linke immer marginaler« : DIETRICH KUHLBROTH @ http://www.filmzentrale.com/essays/historischerevisionendk.htm . Dietrich Kuhlbrodt ist Verfasser des Buches: Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser, 2006 erschienen im: konkret literatur verlag [ @ http://www.konkret-verlage.de/klv/ ].

[ the continuation of the article ]

Napola – Elite für den Führer (Dennis Gansel 2004)

Alles wegen dem realen Herausgeber der hochauflagigen und einflussreichen Wochenzeitung „Die Zeit“, Dr. Theo Sommer, dem "Meinungsmacher". So Napola-Regisseur Dennis Gansel. Denn als Adolf-Hitler- resp. Napola-Schüler sei der junge Theo ja ausgebildet worden, Herrscher des tausendjährigen Reiches zu werden "mit den Berufszielen Gauleiter von Minsk oder London", und Gansel, 30 Jahre alt, sinniert: "Hätte der Krieg nur wenige Jahre länger gedauert", wären Dr. Sommer - und Persönlichkeiten wie Hardy Krüger, Hellmuth Karasek, Alfred Herrhausen - "Manager einer modernen Tyrannei" geworden. "Das fand ich faszinierend". - Was "in extrem schwierigen Zeiten" (Filmverleih) in den "Kaderschmieden des Dritten Reiches" vorging, sei lange verschwiegen worden. Damit ist nun aber Schluss, denn jetzt klärt uns der Film über die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten auf und über das faszinierende "Erziehungskonzept des Führers" für die ganze "gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend". Ein Zitat von Adolf Hitler selbst, wie uns versichert wird.

Friedrich (Max Riemelt) ist 17 Jahre alt und entflieht soeben (1942) der Arbeiterfamilie im Wedding, wo das Klassendenken herrscht. Per Autostop erreicht er mit glänzenden Augen die Napola Allenstein, erfreut sich der dort herrschenden "Jungmannen"-Erotik (nackt, wenn möglich) und freundet sich, da die Klassenschranken niedergerissen sind, mit dem Gauleitersohn Albrecht an (Tom Schilling). Sport (Boxen), Segelfliegen, Kameradschaft! Doch der Krieg ist grausam auch für die Hitlerschüler: "aus ihren Reihen fiel jeder zweite". Der Film war zum Kriegerdenkmal geworden.

Winterkinder – Die schweigende Generation (Jens Schanze 2003-2005)

Jens Schanze macht in seinem Dokumentarfilm einen Anlauf, die Familiengeschichte zu verarbeiten. "War Großvater ein Nazi?" Die Mutter windet sich. "Wenn, würde ich Nationalsozialist sagen". Wieder hat Mutter eine Situation gemeistert. Wer sagt ihr, dass es auch außerhalb des Clans Menschen gab und gibt? Opfer der deutschen Familie? - Sohn Schanze, der Autor, schweigt und reiht sich in der Schlusseinstellung zum Familienfoto ein. Format 35 mm. Gediegene Cadrage. Frontal. Applaus heischend.

Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (Dani Levy 2007)

Zu sehen sind Schauspieler im TV-Format plus Raumausstattung im Nazidesign der „Ewigen Schönheit“. Adolf Hitler ist ein Charakter wie die (fiktiven) Juden Adolf Grünbaum und Frau. Empathie für alle! Für alle drei! Der Führer, allein und einsam, schleicht sich durch ein Fenster aus der Reichskanzlei. Blondi, der liebe Schäferhund ist dabei. Er jault nur ein ganz bisschen, als ihn der Führer vom ersten Stock sanft hinunterschubst. Blondi kommt nicht mit ins Bett der Grünbaums, aber Hitler kuschelt sich liebesbedürftig auf der Ritze zwischen den beiden, und Frau Grünbaum (Adriana Altaras) singt ihn auf jiddisch in den Schlaf. Pscht! Nicht lachen!

Regisseur Dani Levy toppt den „Untergang“. Hitler ist nicht mehr tragisch, er ist entschuldigt. Die Tiefenanalyse ergibt: Hitlers Vater hat schuld. Er hatte den kleinen Adolf geschlagen.

Diese Filme waren jedoch nicht wirkungsmächtig genug, den Führer heim ins neue Reich zu holen oder anders gesagt, Hitler stellvertretend für die Seinen zu rehabilitieren. Die öffentlichrechtlichen Anstalten befanden sie nicht für quotentauglich. Die rechtskonservative Politik, wollte sie das Naziargument den Linken endgültig aus der Hand schlagen, fühlte sich daher aufgerufen, die leidige Faschismusdiskussion zu entsorgen, indem für allemal und für alle sichtbar, der gute alte Hitler vermenschlicht wurde.

Nach einem Film wie „Der Untergang“ und nach einem schutzbedürftigen Hitler, der zu Juden ins Bett krabbelt, um sich trösten zu lassen, nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass der oberste Nazi so ein guter Nazi war, dass man politisch mit dem Wort „Nazi“ nichts mehr anfangen konnte. Es war als Argument nicht mehr zu gebrauchen, abgesehen von irgendwelchen Fachforschern. Und da dem allgemeinen Sprachgebrauch das Wort Faschist und Faschismus abhandengekommen war, weil keiner wusste, wer oder was gemeint war, müssen wir der konservativen Rechten zugestehen, dass sie mittels Film und Fernsehen das politische Feld zu ihren Gunsten freigeräumt hatten. Wo sollte derjenige sein, der ihnen Faschismus vorwerfen könnte? Verbiesterte Altintellektuelle fanden ebenso wenig eine politische Bühne wie neuere linke Filme.

Der letzte Strategiewechsel. Unsere Neokonservativen sind weitsichtig. Sie denken voraus. Sie nehmen den nächsten Zyklus, den die Geschichte zu nehmen pflegt, schon heute vorweg, indem sie wie in den fünfziger Jahren den bösen Nazi, der am besten auch böser Kommunist ist, als Einzelfall wieder einführen und ihm, und das ist das neue, die Gesamtheit der Deutschen, ob Volk, ob Wehrmacht, als Nazigegner, gar als Antifaschisten entgegensetzen. Damit ist sowohl der Begriff Antifaschismus usurpiert und seines Inhalts beraubt (wie vorher der „Nazi“), als auch, dramaturgisch wohl begründet, den Guten („wir“ alle) der aus der Volksgemeinschaft gestoßene Böse entgegengesetzt. Paradebeispiel ist der Film „Die Gustloff“ (2008 ), quotenreicher Zweiteiler im Fernsehen. Wir setzen uns hier mit ihm auseinander, weil er die Richtung für Nachfolge-Filme vorgibt. Als Berater für den Film holte sich das gemeinnützige Zweite Deutsche Fernsehen jemanden, der bis auf den heutigen Tag in rechtsextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Publikationen seine Heimstatt findet: Heinz Schön. Er trug zu einer Festschrift für Holocaust-Leugner David Irving bei.

Die Gustloff (Joseph Vilsmaier 2008 ) ...

Ende Januar 1945 transportiert das Schiff Wilhelm Gustloff eine Einheit von tausend Marinesoldaten nach Kiel. Ostpreußenflüchtlinge dürfen zusteigen. Viele Tausende. Der rettende Hafen wird nicht erreicht. Von sowjetischen Torpedos getroffen, versinkt der Transporter. Das Liebespaar wird gerettet. Gott sei Dank. – Soweit die Handlung. Nicht die Titanic, sondern die Gustloff war „die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten“, lernen wir. Der Zeitgeschichteunterricht hält mehr bereit. Die Zivilisten, die im Film zu Wort kommen, sind auf die hyperkorrekte Tour Antifaschisten oder doch unglückliche Angepasste, hilfsweise Apolitische. Und die Marinesoldaten? Auch keine Nazis. Es geht ihnen um fachgerechte Kriegsführung, ja sogar um die Rettung von Millionen defätistischer Zivilisten aus dem bedrohten Ostpreußen. Zur Wehr setzen müssen sie sich nicht nur gegen den Feind, sondern vor allem gegen die Nazis. Die gibt es also. Wo? Das sind die paar Offiziere mit Gestapohintergrund, Sadisten. Sie foltern und erschießen harmlose Zivilisten und im Ernstfall auch den eigenen Schäferhund, den Waldi. Zu den Nazis müssen wir einen lächerlichen Parteibonzen zählen und ein bisschen auch eine Denunziantin und vielleicht sogar die Mädels im Schiffsbordell, und die wollen doch nur ihren Spaß haben. Toll trieben es die alten Nazis. So richtig böse ist das nicht. Direkt was zum drüber nachdenken. Ich meine jetzt, zum drüber nachdenken, dass im Jahr 2008 ein öffentlichrechtlicher Film hochgejubelt wird, der nahtlos an die schlimmen Jahre der Adenauerzeit anschließt, in denen die brave Wehrmacht gegen die bösen Nazis ausgespielt und reingewaschen wurde. Berüchtigter Paradefilm ist „Nacht fiel über Gotenhafen“, 1959, der erste Film über den Untergang der Wilhelm Gustloff. Die Hafenstadt Gdingen trägt darin immer noch ihren Nazinamen. Die restaurative Tendenz, gar die Großdramaturgie ist jetzt fast ein halbes Jahrhundert danach vom ZDF-Zweiteiler kopiert worden. Gotenhafen bleibt Gotenhafen und damit beim Nazinamen für die Stadt Gdingen. Wer „Die Gustloff“ heute mit dem Film von 1959 vergleicht, wird staunen, wie stark sich der neue Film von 2008 an sein Vorbild hält. Das Adenauer-ZDF lebt und ist rüstig. Es lebe die Restauration.

In beiden Filmen ist ausgeklammert, dass es deutsche Verbrechen in der SU gegeben hat. Der Feind kam wie das Schicksal über Deutschland. Und wenn es ein Kriegsverbrechen gab, dann war es das, die Gustloff zu versenken. So wird es „von vielen“ gesehen. Jawohl, es gab Kriegsgräuel. Begangen sind die von den Russen. Punkt.

Was davon hängen bleibt, wird wohl das „die-Deutschen-waren-alle-dagegen“ und das „wir-sind-die-Opfer“ und das „das-wird-doch-mal-gesagt-werden-dürfen“, damit endlich Schluss damit ist, dass das böse Ausland die deutschen Opfer als Kollateralschaden abtut. Film- und TV-Star Kai Wiesinger, Hauptdarsteller in „Die Gustloff“ freut sich, „dass es in Deutschland inzwischen möglich ist, unsere eigene Vergangenheit auf diese Art im Film darzustellen“.

... und das Fazit

Das Zweite Deutsche Fernsehen war von Konrad Adenauer, Bundeskanzler von 1949 bis 1963 und prägend für die Zeit des Wirtschaftswunders, im Jahr 1961 als Regierungsfernsehen initiiert worden, um der aufmüpfigen ARD etwas entgegenzusetzen. Wenn das ZDF jetzt mit der Ideologie der „Gustloff“ nahtlos an die Militärfilme der Adenauerzeit anschließt (das gute Militär im Zweifrontenkrieg gegen wenige böse Nazis sowie gegen alle Russen), dann ist mit Hilfe der rechten Politik dank der Filme von heute die Adenauerzeit wieder etabliert worden. Die deutschen Filme seit 2000 signalisieren, dass wir uns mitten in der politischen Restauration befinden.

Mit einem explizit politischen Bekenntnis würden die Filme, die von der Neuen Constantin produziert werden, allerdings das große Publikum nicht erreichen. Um politisch wirken zu können, geben sie sich unpolitisch. Filme wie „Das Experiment“ (Oliver Hirschbiegel 2001) und „Die Welle“ (Dennis Gansel 2007) finden ihre Lust darin, das Menschenbild durch ein Tierexperiment zu ersetzen und befriedigt zuzusehen, wie die Menschenratten aller Selbstverwirklichung ledig, tun, was sie tun müssen, nämlich blind und fremdgesteuert in die Grube zu fahren, will sagen, den Lemmingen gleich über die Steilküste ins Meer.

Hirschbiegel („Der Untergang“) fand seine Lust dabei zuzukucken, wie zwölf Männer, die zwar nicht in der Tierversuchsanstalt, wohl aber im Gefängnis stecken, dort zu Schweinen werden. Fremdbestimmung und Unfreiheit regieren und damit Passivität und Hinnahme. Gesellschaftliche Zusammenhänge und gar Selbstbestimmung und Einflussnahme sind diesem Menschenbild fremd.

Ähnlich feiert „Die Welle“ die Lust an Unfreiheit und Unterordnung. Dennis Gansel („Napola – Elite für den Führer“) gibt dem Verhaltens-Determinismus einen bejahenden, absurd-dekorativen Rahmen, - womöglich aus politischer Naivität. Geschichte, Lebenslauf, soziale Situation sind diesen Menschen, Mitläufer von Natur, ausgetrieben. Sie sind degradiert zu biologischen Wesen, beliebig instrumentalisierbar. Was der Sache nach gesellschaftlicher Rollback ist, gibt sich in diesen Filmen vergangenheits- und zukunftslos. So war es immer. Die Nazis waren sich auch sicher gewesen: „Wir sind das tausendjährige Reich“. Dann hätten wir jetzt den tausendjährigen deutschen Film.

Dietrich Kuhlbroth

Dieser Text ist auf deutsch nur in der filmzentrale erschienen, wird aber auch in der italienischen Übersetzung erscheinen als Beitrag 7) (Revisionismi storici: ovvero nazi sempre meglio, sinistra sempre peggio) des Buches IL CINEMA TEDESCO OGGI, Herausgeber: Giovanni Spagnioletti

Dietrich Kuhlbrodt ist Verfasser des Buches: Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser, 2006 erschienen im: konkret literatur verlag [ @ http://www.konkret-verlage.de/klv/ ].

[ Im ORIGINAL dieses Artikels »Historische Revisionen« @ http://www.filmzentrale.com/essays/historischerevisionendk.htm sind auch all relevanten jeweilig dazugehörige direkte Links des besprochenen Films angebracht – und DORT anklickbar ]

[ The end of the article published by Dietrich Kuhlbroth. ]
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QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, zwei Beiträge von »martini« vom Samstag, 30. März 2013, um 04:32 Uhr und Samstag, 30. März 2013, um 04:45 Uhr, Beitrag 55 und Beitrag 56 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der zweiten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374986 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ] und @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-öffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-öffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/index2.html#post374987 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Zuletzt geändert von Martin MITCHELL am Fr Jun 14, 2013 2:23 pm, insgesamt 1-mal geändert.
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