Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 6:11 am

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Süddeutsche.de - Süddeutsche Zeitung @ http://www.sueddeutsche.de/medien/und-alle-haben-geschwiegen-im-zdf-graue-kindheit-1.1615367?commentspage=all:2:#commentsxx

Kalli63 6.3.2013 | 21:13 Uhr

leider viel zu oberflächlich und viel zu harmlos dargestellt. Die Realität war um vieles schlimmer. Es sollten nicht unbedingt Vergewaltigungsszenen sein, was aber komplett zu kurz kam war der dauerhafte psychische Druck der ausgeübt wurde. Netter Versuch meiner Meinung nach aber auch eine verpasste Chance, weil auch nicht ausreichend DAS GROSSE SCHWEIGEN DER BEHÖRDEN UND DER GESELLSCHAFT gezeigt wurde. Zum Beispiel, Kinder sind auf offener Straße geprügelt oder gemaßregelt worden, am Haaransatz vom Erzieher/in hoch gezogen, ohne dass jemand, von den anwesenden Bürgern, auch nur ein Wort gesagt hätte. Derartige kurze aber einprägsame Bildszenen hat es nicht gegeben. Es geht um Aussätzigen der Gesellschaft, die Meinung der Bevölkerung damals wie heute, wird wohl was dran sein das die/der im Erziehungsheim ist. Also bitte besser machen, denn eines ist klar mit etwa 800 000 Heimkinder die damals inhaftiert waren gibt es noch einen großen Anteil die durch das damalige Leid noch heute leiden müssen.

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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 6:33 am

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READERS EDITION @ http://www.readers-edition.de/2013/03/15/und-alle-haben-geschwiegen-eine-kritik/

Und alle haben geschwiegen – eine Kritik

[ http://www.readers-edition.de/autor/veh-ev/ ] VEH-ev | 15. März 2013, 13:24 Uhr

Es war ein verlogener Film mit Szenen die so unwirklich waren, dass mir als ehemaliger Insassin eines Heimes für schwererziehbare Mädchen – einem Heim der Diakonie – schier die Augen über gingen.

1. Der Spielfilm

Es war ein verlogener Film mit Szenen die so unwirklich waren, dass mir als ehemaliger Insassin eines Heimes für schwererziehbare Mädchen – einem Heim der Diakonie – schier die Augen über gingen:

Jungen und Mädchen
in einem kirchlichen Erziehungsheim unter einem Dach! Das ist so unwahrscheinlich wie ein Tsunami in der Wüste Gobi. Was sollte dann also damit erreicht werden? Ach ja, die Liebesgeschichte eingeläutet… Vielleicht. Ich glaube aber, dass eine solche Verzerrung zu einer emotionalen Schieflage führen kann und soll. Nicht bei den Ehemaligen – die wissen es besser – sondern bei anderen. Sie soll ein bisschen versöhnlicher stimmen. Nicht intellektuell, sondern emotional.

Eine Bücherei
und eine Taschenlampe nachts im Bett führen beide auch zu eben jener emotionalen Schieflage – bei allem Schrecken, es meldet sich das Stimmchen “immerhin gab es Bücher, Bildungsmöglichkeiten, nachts konnte gelesen werden”… Dieses Stimmchen wird irgendwann andere Emotionen, die der Film ausgelöst haben mag, ausblenden und überstimmen.

Die verliebten Blicke,
dann sogar das Treffen im Strafzimmer! Ein Junge und ein Mädel? Im Strafzimmer? Auf einem Bett sitzend? Im Halbdunkel mit Sonnenstreifen? Irgendwie süß, niedlich, ein bisschen schmerzhaft (kommt der Schmerz von dem geschwollenen Gesicht oder der Süße der jungen Liebe?), ziemlich romantisch und absolut verlogen.

Eine Bank vor dem Tor,
auf der sich Mutter und Tochter eine halbe Stunde lang ungestört unterhalten dürfen. Und natürlich fehlte das Vogelgezwitscher, als Luisa durch das Tor tritt, ebenso wenig wie Luisas verträumter Blick in diesem Moment der „Freiheit“. Lüge!

Der Film war gespickt mit diesen Szenen, eine verlogener als die andere. Und während Überlebende der Kinderheimhöllen diese kleinen und großen Lügen sofort auffallen und sie deshalb wirkungslos verpuffen, fallen sie Nicht-Ehemaligen genau nicht auf und können so ihre Wirkung entfalten: Es war ja doch alles nicht so schrecklich – immerhin gab es Nächte, in denen man sich gegenseitig im Schein der Taschenlampe vorlesen konnte, sich Jungen und Mädel verlieben konnten, sich weiße Bettwäsche im Winde blähte, und sogar das Strafzimmer war irgendwie romantisch…

Völlig unglaubwürdig war die Erklärungen der Filmemacherinnen über die „gebremste Brutalität“, die nicht recht in die Prime-Time passe. Jeder Tatort ist inzwischen gruseliger, von TV-Berichten aus Kriegs- und Krisengebieten ganz zu schweigen. Verhungernde Kinder mit Fliegen in den Augenwinkeln, Kindersoldaten, denen noch der Rotz aus der Nase läuft, die aber dennoch eine tödlich aussehende Waffe ziemlich nonchalant über der schmalen Schulter tragen, Patienten in überfüllten dreckigen Krankenhäusern mit abgerissenen und kaum medizinisch versorgten Gliedmaßen gehören jedenfalls genauso wenig zu meinen favorisierten Prime-Time-Bildern, wie auf ausgedörrtem Boden liegendes, mit Schwären und Fliegen übersätes Vieh, zerrupfte Hühner in deutschen Hühner-Kzs, Maden, die sich auf meinem Mittagessen von morgen winden. Dennoch bekomme ich dies oft genug zum Abendbrot serviert.

Aber an Heimkindern begangene Brutalitäten sind nicht vorzeigbar? Aha…

Tatsächlich ließen die elegante, gebildete, aus Amerika herein gewehte Luisa (Senta Berger) und der eloquente Paul (Matthias Habich) in dem Spielfilm nur einen Schluss zu: Ein paar Jahre Heim sind nicht schön, haben aber außer ein paar Albträumen keinen wirklichen Schaden angerichtet!

2. Die Dokumentation zum Film

zeigte Aussagen von Ehemaligen, die betroffen machten. Aber leider blieb es auch dabei. Hier wurde eine wirklich historische Chance verpasst, aufzuzeigen, dass

die Heimerziehung in Deutschland
einen fließenden Übergang darstellt von Nazideutschland in die Nachkriegszeit. Erzieher, die erwiesener Maßen Aufseher in KZs gewesen sind oder natürlich auf jeden Fall ihre Ausbildung im Nationalsozialismus „genossen“ hatten. Es gab meines Wissens keine Verurteilung ehemaliger ErzieherInnen, Brüder, Diakone, Diakonissen…

in deutschen Heimen Zwangsarbeit
geleistet wurde, die laut § 12 GG der Bundesrepublik Deutschland verboten ist: (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht. (3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig. Außerdem ratifizierte die Bundesrepublik Deutschland 1957 das Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in dem Zwangsarbeit für illegal erklärt wurde.

Der Runde Tisch Heimerziehung
ein Farce war, die dafür sorgte, dass ehemalige Heimkinder verunsichert und vertröstet werden konnten, es darüber hinaus

nie eine Entschädigung
für Ehemalige aus den Höllen deutscher Heimerziehung gab, dass – ganz im Gegenteil – Kirchen, Bund und Länder die Billiglösung wählten und durchsetzten und nicht zuletzt

● ein Großteil der Ehemaligen ganz und gar aus jeglicher Art von Zahlung herausfallen:
● Ehemalige aus Heimen für Kinder mit Behinderungen,
● Kinder, die in die Psychiatrie gesteckt wurden
● Kinder, die Zwangsarbeit leisten mussten, bevor sie auch nur 14 Jahre alt waren,
● Kinder und Jugendliche, die nach 1975 ohne Lohn und Lohnabgaben in den Heimen schuften mussten.

In keiner Weise kompensiert werden auch die Brutalitäten und Bestialitäten, die den Kindern und Jugendlichen in den Heimen angetan wurden:

● Vergewaltigungen durch so genannte Brüder und Schwestern, von Nonnen und Diakonen, Heimleitern und Diakonissen, PraktikantInnen und älteren Heimkindern,
● Prügeln bis hin zu regelrechten Folterungen,
● systematischer Freiheitsentzug,
● Illegale Medikamentengaben zum Zwecke der Ruhigstellung, des Gefügigmachens oder auch des Experimentierens,
● psychische Misshandlung wie „niedermachen“, demütigen, isolieren,
● Verweigern von Beschulung und Berufsausbildung,
● Gewaltsame Trennung von Geschwistern, Eltern, Großeltern,
● Religiöse und politische Indoktrinierung.

Diese Dinge fanden im der Dokumentation keinen Widerhall, sie wurden nicht erwähnt, geschweige denn diskutiert.

Erwähnung fanden auch nicht die oftmals desolaten finanziellen Situationen, in denen Ehemalige sich heute häufig befinden.


"Und alle haben geschwiegen."

Der Nachhall !?

Ein ohrenbetäubendes weiteres Schweigen.

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Siehe auch bei netzwerkB :Und alle haben geschwiegen
Ein Gastbeitrag von Heidi Dettinger
( Verein ehemaliger Heimkinder [ http://www.veh-ev.eu/Der_Verein/Der_Vorstand/der_vorstand.html ] )
( 15.03.2013 ) @ http://netzwerkb.org/2013/03/15/und-alle-haben-geschwiegen/

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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 6:49 am

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Und so sah es das ZDF selbst,

wie berichtet am 05.03.2013 | 09:32 auf dem news aktuell - na●presseportal

@ http://www.presseportal.de/pm/7840/2427266/starker-montag-fuer-das-zdf-mit-fiction-und-dokumentation?search=geschwiegen

Mainz (ots) - Mit dem "Fernsehfilm der Woche: UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN" und der sich anschließenden Dokumentation zum selben Thema konnte das ZDF den Montag, 4. März 2013, für sich entscheiden: 5,94 Millionen Zuschauer (17,9 Prozent Marktanteil) verfolgten den bewegenden Film mit Senta Berger und Matthias Habich. Die Dokumentation von Anja Kindler, Gesine Müller und Robert Wortmann sahen 5,60 Millionen Zuschauer (18,7 Prozent Marktanteil). Damit waren Film und Doku die beiden besteingeschalteten Sendungen des Tages.

Das ZDF lag sowohl in der sehintensiven Zeit zwischen 19.00 und 23.00 Uhr (15,0 Prozent Marktanteil) als auch am gesamten Tag (14,0 Prozent Marktanteil) auf Platz eins der Zuschauergunst.

Zu diesem Erfolg trug unter anderem auch die SOKO 5113 um 18.05 Uhr bei: 4,30 Millionen Zuschauer (22,5 Prozent Marktanteil) sahen die Folge "Brennendes Herz".

Pressekontakt:

ZDF-Pressestelle
Telefon: +49-6131-70-12121
Telefon: +49-6131-70-12120

DAS WICHTIGSTE IN DIESER GANZEN SACHE IST also nicht das Brechen des Schweigens und die gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung dieses den Opfern zugefügten Unrechts und Leids, eine Umkehr und ein Sühne tun gegenüber allen damals davon Betroffenen und heute dadurch weiter Leidenden, sondern DIE VERMARKTUNG DES GANZEN ALS ENTERTAINMENT und der Marktanteil für die Entertainment-Szene.
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 7:00 am

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SPIEGEL @ http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ueber-heimkinder-a-886644.html#spCommentsBoxPager

Leserkommentare und Zuschauerkommentare

zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen."

3. An Geschehenem kann man nichts mehr ändern.

[ http://forum.spiegel.de/member.php?u=198396 ] n+1 04.03.2013

Aber es ist leider auch kein Lerneffekt zu vermelden. Die damals (und auch später) Verantwortlichen genießen heute ihre Mondpensionen. Organisationen wie die christliche Kirche bekommen noch nach 200 Jahren Kompensationszahlungen für ihre Gebietsverluste aus dem Reichsdeputationshauptschluß (allein das Wort gehört verboten). Der Staat zieht Kirchensteuer ein. Wieso? Wenn man Terror bekämpfen will, dann soll man auch vor der eigenen Haustüre anfangen.
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Und Heinz Faßbender schrieb am 5.3.2013 | 18:46 Uhr genau daselbe @ http://www.sueddeutsche.de/medien/und-alle-haben-geschwiegen-im-zdf-graue-kindheit-1.1615367
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 8:50 am

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In Bezug auf den vor-vorletzten Beitrag ( oben ), der die Stellungnahme zu diesem ZDF-Spielfilm des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. ( präsentiert von Heidi Dettinger ) wiedergibt:

NetzwerkB @ http://netzwerkb.org/2013/03/15/und-alle-haben-geschwiegen/

lisabel schreibt am 18.03.2013:

Liebe Heidi,
Danke für den klarstellenden Beitrag.
Viel zu viel wird völlig falsch dargestellt in der Öffentlichkeit. Und diese Lügen prägen das Bild, das Nicht-Betroffene von der ganzen Thematik erhalten. Und dann kommt dieser Eindruck: ja was wollen die denn jetzt noch – es gibt doch einen Entschädigungsfond (auch Senta Berger hatte sich da nicht tiefer eingelesen und informiert – schwach für jemand der eine tragende Rolle in dem Film hat).
Es macht sich niemand die Mühe das mal genauer zu durchdenken, und was da für den einzelnen wirklich übrig bleibt.
Es ist einfach widerlich.
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 9:17 am

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Am Samstag, 23. März 2013, um 13:22 Uhr berichtete die Boardnutzerin »mandolinchen« in einem »UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN«-Film-Thread im HEIMKINDER-FORUM.DE wie folgt:

Ja, natürlich erwarten wir, die Betroffenen, mehr Empathie und Anteilnahme an unserem Schicksal. Mit welchem Recht?

In meiner näheren Umgebung waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Von " oh wie schrecklich" bis hin " das war damals eben so" war alles dabei. Stellenweise machte sich eine gewisse Beklommenheit breit, die aber schnell veflog. Es war eine rührende Liebesgeschichte in Verbindung mit Hindernissen, wie sie die damalige Zeit hervor gebracht hat, so der Tenor.
Ich denke, das entsetzliche Leid, das Ausleben sadistischer Neigungen an wehrlosen " Objekten", der alltägliche religiöse ( und in meinem Fall auch politische ) Wahnsinn, die einsamen Nächte und Tage im Bunker, die Prügel bis hin zu Exzessen, die Lieblosigkeit, das Ausbeuten der Kinder, tagelanger Essensentzug und die bewußt gesteuerten Grausamkeiten der Kinder untereinander.............das alles und noch viel mehr kann man garnicht in einem Film von 90 Minuten einbinden und rüber bringen.
Dafür brauchts eine Dokumentation in Fortsetzungsfolgen, oder einen zehn bis - bis zwanzigteiligen Serienfilm. Und selbst dann kann das Unermeßliche, dass viele erlitten haben, nicht real rüber gebracht werden. Aber wenn auch nur ein Hauch dessen, was sich in den Kinderhöllen abgespielt hat, in deutschen Wohnzimmern hängen bliebe, wäre das schon ein großer Erfolg.
Der Film war gut gespielt von den Darstellern, ein bißchen " oh wie schrecklichstimmung " kam auch rüber.
Es war eben nur ein Liebesfilm mit traurigem Hintergrund, der an der Realität meilenweit vorbei schlitterte.
Aber allemal gut, dass jemand dieses Thema überhaupt aufgegriffen hat.

QUELLE: HEIMKINDER-FORUM.DE, Beitrag von »mandolinchen« vom Samstag, 23. März 2013, um 13:22 Uhr, Beitrag 19 im Thread »ÖFFENTLICHE DEBATTE zum ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" ausgestrahlt im TV europaweit am 04.03.2013. --- Öffentliche Zuschauer-Kommentare dazu: SAMMELSTELLE:« ( auf der ersten Seite dieses Threads ) @ http://heimkinder-forum.de/v3/board3-heim-talk/board7-offener-talk-heime/16287-%C3%B6ffentliche-debatte-zum-zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ausgestrahlt-im-tv-europaweit-am-04-03-2013-%C3%B6ffentliche-zuschauer-kommentare-dazu-sammelstelle/#post374160 [ Link manuell in die Adresszeile eines neuen Browserfensters eingeben ]
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 10:44 am

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VEH e.V. - Heidi Dettinger ( 2. Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. ) @ http://www.readers-edition.de/2013/03/15/und-alle-haben-geschwiegen-eine-kritik ( Hinweis zur Stellungnahme zu diesem ZDF-Film seitens des VEH e.V. )

VEH e.V. - Dirk Friedrich ( 1. Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. ) @ http://www.openpr.de/news/705803/Und-alle-haben-geschwiegen-eine-Kritik-zu-Film-und-Dokumentation.html ( Hinweis zur Stellungnahme zu diesem ZDF-Film seitens des VEH e.V. )

netzwerkB @ http://netzwerkb.org/2013/03/15/und-alle-haben-geschwiegen/

Klaus Sohl schreibt am 23.03.2013:

diesem Beitrag [ d.h. der Stellungnahme zu diesem ZDF-Film seitens des VEH e.V. ] kann ich umfänglich zustimmen. Ich selber war geschockt über die Verharmlosung unserer Geschichte. Jeder Film über die Zwangsdeportation ist schlimmer dokumentiert, als dieser Schnulzenfilm. Man will unsere Geschichte runterspielen und verharmlosen. Ich persönlich bezeichne mein Heimzeit genau so tragisch wie die der Juden, nur dass ich nicht vergast wurde. Wer unsere Geschichte [ d.h. die Geschichte der nachkriegsdeutschen Heimkinder massenhaft interniert in westdeutschen Kinderheimhöllen ] verharmlost oder leugnet macht sich genauso strafbar [ d.h. schuldig ], als wenn er die Judenvernichtung leugnet.



NETZFUND: Beitrag getätigt im deutsprachigen Internet
von einem ebenso im Ausland lebenden Ehemaligen Heimkind:

Beitrag von »raisa«

Montag, 25. März 2013, um 16:45 Uhr (MEZ)

stellt Euch doch mal folgendes vor...

..es gebe einen Film, der die Greuel im Holocaust, die Vergasung von 6 Millionen Juden in der Art und Weise dargestellt hätte, wie hier geschehen...

den Aufschrei von In- und Ausländischen Organisationen der jüdischen Gemeinden würde hier im ganzen Lande unüberhörbar [ sein ], der würde diese Republik in ihren Grundzügen erschüttern..

..aber hier gehts nur um ein "paar Heimkinder"...

was solls....
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NETZFUND: Beitrag getätigt im deutsprachigen Internet
von einem in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Ehemaligen Heimkind:

Beitrag von »ehemaliges Heimkind«

Montag, 25. März 2013, um 15:32 Uhr (MEZ)

Ich sehe das mittlerweile wie auf der [ VEH e.V. ] Facebookseite [ wiederum ein Hinweis zur Stellungnahme zu diesem ZDF-Film seiterns des VEH e.V. ]

Oberflächlich mag es gut sein dem gemeinen Volke die Wahrheit scheibchenweise näherzubringen.
In Ihrer Vorstellungskraft überforderte "Aussenstehende" neigen halt sehr schnell zu Vorurteilen ("ein paar Watschen haben nie geschadet" "war damals halt so" "wer ins Heim kam musste ja was ausgefressen haben" "wenn das so gewesen wäre dann hätte das schon längst jemand gemerkt" und ähnlichen Unsinn).
Daher dachte ich auch zunächst so wie »Robby« und einige andere hier.

Aber das Ganze würde nur dann einen Sinn ergeben wenn darauf hingewiesen worden wäre daß die Wirklichkeit deutlich anders als im Film dargestellt gewesen war, und zwar im negativierenden Sinne !!

Nun, leider wird mit dieser Weichspülnummer im Nachhinein m.E. nur eines erreicht:

--> Es war ja doch nicht ganz so schlimm, die meisten Heimopfer scheinen da gewaltig zu übertreiben. Deren Forderungen sind doch deutlich überzogen.
Schließlich hat es ja augenscheinlich auch glückliche Momente in den Heimen gegeben.

u.s.w.

So verfestigt der Film weiter die Vorurteile gegen uns, statt aufzurütteln.
Es wird sich der gleiche Effekt wie mit dem Urban Myth einer Entschädigung ergeben. Jeder hat ja schließlich davon gehört, also muß was dran sein.


Es wäre deutlich besser gewesen näher an die Wirklichkeit zu gehen als das Publikum zu schonen.

Zu dem von »Robby« fällt mir nur ein:

Der da so heftig kritisiert, dem steht es frei, einen eigenen Film zu produzieren.


--> ZDF-Produktionen werden aus GEZ und anderen stattlichen Mitteln finanziert, daher wäre keinerlei Notwendigkeit gewesen kommerzorientiert mit Weichspüler zu arbeiten !

Und meine ganz persönliche Meinung:

Das Ganze ist eine (weitere) rießige Verarsche und Ver-unglaubwürdigung von uns ehemaligen Heimkindern mit sehr deutlicher Alibi-Funktion für die Täter und deutlich politisch gesteuert gewesen, da ja nicht sein darf was nicht sein kann...
...ein weiterer Versuch uns die Stimme zu nehmen...

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Zuletzt geändert von Martin MITCHELL am Fr Jun 14, 2013 1:41 pm, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Martin MITCHELL » Mi Jun 12, 2013 11:25 am

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NETZFUND: Beitrag getätigt im deutsprachigen Internet
von einem in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Ehemaligen Heimkind:

Beitrag von »ehemaliges Heimkind«

Montag, 25. März 2013, um 18:59 Uhr (MEZ)

zitiert »P.Claudius« :

...Allerdings gab es auch Stimmen von Bekannten, die in ihrem Elternhaus viel Gewalt erleiden mussten und sich fragen: Und wer entschädigt uns???

Es ist ein "himmelweiter" Unterschied zwischen einzelnen temporalen Gewalterfahrungen im Kontext einer Familie mit Phasen des Familiären dazwischen oder den ausschließlichen Heim-Gewalterfahrungen ohne jeglicher ansatzweiser anderweitiger sozialer Kompensation der allernotwendigsten Grundbedürfnisse eines Kindes, oftmals noch in Verbindung mit organisiert durchgeführten sexuellen Missbrauch.

--> Genau solcherart Reaktionen sind durch die verharmlosenden kreativen "Darstellungen" in dem Fim beabsichtigt !

Es soll ja schließlich der damalige Zeitgeist gewesen sein der uns zu dem machte was wir heute sind.
Das ist der Urban Myth der sich hier unterschwellig durch das Drehbuch zieht und leider sehr sehr erfolgreich auf Aussenstehende suggeriert wird.
In der Wirtschaftswunderzeit haben sicherlich noch viele Gewalterfahrung ("Prügelstrafe") in der Familie erlebt, welche heute nicht mehr toleriert werden würde.
Und genau hier knüpft der Film an, schafft Vergleiche wo es keine Vergleiche gibt, drängt Assoziationen auf welche die weitaus drastischeren Dinge damit geschützt verbergen.

...vor allem wenn er sich dazu auf die in einem Buch dargestellten Erlebnissberichten von ehemaligen Heimkindern beruft, diese dann stark verändert und "entschärft", dem aktuellen und dem damaligen Zeitgeist anpasst und wichtige Kernaussagen ganz aussen vorlässt.
Ein Psychologisch geschulter Geist wird sofort erkennen daß sehr wichtige Kernaussagen nicht vorhanden sind welche die heutigen Spätfolgen begründen würden.
Ein Aussenstehender wird dagegen nicht erkennen können daß diese Berufung statt auf Erlebnissberichte Betroffener dagegen auf Lügen und Verdrehereien beruht.

Ein Aussenstehender wird genau diese Lüge ungeprüft in Erinnerung behalten: der vorab hochgelobte Film beruht auf Erlebnissberichten...zeigt also die Wirklichkeit.
Ein Aussenstehender wird damit auch weiterhin die von Staat und Täterschaft immer wider uns gepredigte monologe These des Verjährens ("liegt doch schon soooo lange zurück") und eines obskuren Zeitgeistes ("jeder hat mal Prügel gekriegt") sich zu eigen machen.

--> Das ist genau die Art von Urban Myth welche ich durch einen derart ausgestalten Film erzeugt sehe.

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Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 1:21 am

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Ein wichtiges Interview, das im Vorfeld der Ausstrahlung im deutschen Fernsehen des ZDF-Films "Und alle haben geschwiegen" stattfand.

dradio.de - Deutschlandradio Kultur - RADIOFEUILLETON: THEMA - 04.03.2013

@ http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/2029071/

Erniedrigt und gedemütigt

ZDF-Fernsehfilm zeigt Schicksal von Kindern, die in den 50er-Jahren in kirchlichen Kinderheimen lebten

PETER WENSIERSKI und ANDREA STOLL im Gespräch mit ULRIKE TIMM

Mehr als 100.000 [ sic ] Kinder haben in den 50er-Jahren furchtbare Erfahrungen in katholischen und evangelischen Heimen gemacht. Erst durch den "Spiegel"-Autor Peter Wensierski wurde ihr Schicksal öffentlich. Andrea Stoll hat aus dem Stoff jetzt einen aufwühlenden und beschämenden Fernsehfilm gemacht.

ULRIKE TIMM: "Es war Unrecht", sagt Matthias Habich im Film "Und alle haben geschwiegen". Unrecht, das ist ein starkes Wort, aber auch ein schwaches, wenn man solche Erlebnisse in sich herumträgt wie die bis zu 800.000 Menschen in sich tragen, die in den 1950er- bis 70er-Jahren in kirchlichen Kinderheimen untergebracht waren, dort schufteten, misshandelt wurden und systematisch gebrochen. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist ihr Schicksal ja überhaupt ein Thema in der Öffentlichkeit.

Andrea Stoll schrieb das Drehbuch, das auf den Recherchen des "Spiegel"-Journalisten Peter Wensierski beruht, dessen Buch "Schläge im Namen des Herrn", das Thema überhaupt erst auf den Tisch brachte. Beide sind jetzt bei uns zu Gast. Schönen guten Tag an Sie beide.

PETER WENSIERSKI: Guten Tag!

ANDREA STOLL: Guten Tag, Frau Timm.

ULRIKE TIMM: Herr Wensierski, Sie haben ganz viele frühere Heimkinder gesprochen, die solch kirchliche Heime überlebt haben. Zehn Stunden in der Wäscherei statt Schulbesuch, Prügel für Vergehen, die man gar nicht verstand. Lauter übereinstimmende Geschichten, die Sie gehört haben?

PETER WENSIERSKI: Ja, ich bin kreuz und quer durchs ganze Land gefahren, und die Geschichten stimmten immer überein. Es waren Geschichten von Folterstrafen, von Erniedrigung, von Demütigung, von Kindern, denen eigentlich damals hätte geholfen werden sollen, die aber für ihr Leben lang geschädigt wurden durch das, was sie da in den Heimen erlebt haben. Ich wusste selber am Anfang nicht das ganze Ausmaß, also das es 800.000, möglicherweise auch über eine Million Kinder waren, die in den 50er-, 60er- und bis in die 70er-Jahre in den Erziehungsheimen waren, das konnte ich gar nicht ahnen. Ich hab dann gezählt: 1960 gab es über 3.000 Heime. Und die Hälfte davon katholisch und nur 20 Prozent staatlich, die anderen evangelisch. Und es gab - ich hab lange auch gesucht - es gab kaum ein Heim, ich hab gar keins gefunden, das irgendwie anders war, das nicht so gemein zu den Kindern gewesen ist, wie es mir die Betroffenen geschildert haben.

ULRIKE TIMM: Beten, hart körperlich arbeiten und verprügelt werden - so war der Tagesablauf?

PETER WENSIERSKI: Ja. Und sie kamen unschuldig hinein. Also es waren oft einfach nur Kinder von alleinerziehenden Müttern oder es waren Kinder, wo die Mutter einen neuen Mann geheiratet hatte, der das Kind vom anderen nicht wollte. Es ging damals sehr leicht. Die Kinder wurden ja auch zerrieben. Es war eine Zeit, der Film spielt ja 1964, in der die Kinder anders leben wollten als ihre Eltern. Sich die Haare lang wachsen ließen oder andere Musik hörten. Das war ein Kampf ja schon auch der Eltern und der Gesellschaft, die noch irgendwo in der Nazizeit lebten und an Zucht und Ordnung festhalten wollten gegen das, was eben an Modernisierung hineinkam in die Gesellschaft und was die Jugendlichen wollten.

ULRIKE TIMM: Andrea Stoll hat das Drehbuch zum Film geschrieben. Wie kam es dazu, daraus einen Spielfilm zu machen?

ANDREA STOLL: Na ja, ich bin auf dieses Thema gestoßen, noch bevor ich Peter Wensierskis Buch las, bin ich auf zwei Notizen gestoßen in der "Süddeutschen" und in der "FAZ", da hatte Peter Wensierski sein Buch schon geschrieben. Ich kannte es noch nicht, und ich muss sagen, ein bisschen bekannt war mir, dass solche Missstände in katholischen Erziehungsheimen geherrscht haben. Dass aber die evangelische Seite genauso schlimm sich schuldig gemacht hat, und dass die Zustände dort in keinster Weise besser waren, das war für mich der persönliche Ausgangspunkt zu sagen, da will ich aber jetzt mal Genaueres wissen.

ULRIKE TIMM: Der Film hat eine ganz eigene Intensität. Man kann zeitweilig kaum hinschauen, und Sie müssen ja in einem Spielfilm zwangsläufig verdichten. Sie haben es gemacht, Sie haben sich auf zwei Jugendliche konzentriert, auf Luisa und Paul. Die beiden stehen stellvertretend, oder gab es die beiden wirklich, Frau Stoll?

ANDREA STOLL: Nein, es gab sie nicht wirklich im Sinne, dass es diese Menschen gegeben hätte und man hier ein Schicksal eins zu eins erzählt. Das war auch in der Tat die große Herausforderung. Denn mit Peter Wensierskis Buch "Schläge im Namen des Herrn", aber auch mit allen weiteren Recherchen hatte ich natürlich eine so ungeheure Fülle an Schicksalen und auch an Erzählmöglichkeiten zur Hand, dass man dann schon sehr genau überlegen musste, was nehme ich aus dieser Fülle, um trotzdem ganz wahrhaftig und realistisch zu erzählen und trotzdem das auch so zu verdichten, dass es als Spielfilm funktioniert. Und für mich waren doch entscheidende Kriterien die, was sind exemplarische Erfahrungen, was sind exemplarische Erfahrungen, mit denen sich viele ehemalige Heimkinder identifizieren können?

Und ein entscheidender Punkt dabei ist das, was Peter Wensierski vorhin angesprochen hat: Man ist unschuldig ins Heim gekommen. Das Zweite, was ich sehr wichtig fand, war der völlige Entzug von Bildung. Also dass in einer Zeit, in der ja nun wirklich schon Schulpflicht und alles bestand, dass da den Kindern von jetzt auf gleich die Möglichkeit genommen wurde, die weiterführende Schule zu besuchen, dass nicht geschaut wurde, welche Persönlichkeit, welche Begabung steht dahinter, sondern in der Tat, aus Schicksalen Nummern gemacht wurden - die Kinder bekamen Nummern, die wurden nicht mehr mit ihrem Namen angeredet. Also das heißt, die Entindividualisierung, die Brechung des Willens und die Zerstörung der Persönlichkeit, dass hier ein System dahinter stand, was wirklich mit Brachialgewalt Lebensläufe zerstört hat. Und das wollten wir zeigen …

PETER WENSIERSKI: Nach dem Spielfilm kommt ja auch - vielleicht darf ich da mal kurz einhaken - eine Dokumentation. Die zeigt ehemalige Heimkinder, sie kommen dort zu Wort, und es wird gezeigt, dass das, was im Film vorkommt, dass sich der Junge einen Dietrich macht und damit ein Funke Hoffnung aufkeimt, den Jungen gab es wirklich im Kalmenhof bei Wiesbaden. Ein Junge, der einen Dietrich gefunden hat und damit überall reinkam und rauskam. Der auch immer in die Duschen der Mädchen musste, wenn dort die Erzieher geprügelt hatten und es galt, Blut wegzuwischen. Das hat es wirklich gegeben.

ULRIKE TIMM: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit Peter Wensierski. Auf seinen Recherchen beruht Andrea Stolls Spielfilm "Schläge im Namen des Herrn", der heute Abend im ZDF zu sehen ist. Als Rahmenhandlung haben Sie den Runden Tisch [ Heimerziehung ] gewählt, der vor drei Jahren eingerichtet wurde, um überhaupt erst mal eine Aussprache, eine Zuhörmöglichkeit zu schaffen. "Um Worte waren die noch nie verlegen", sagt Matthias Habich alias Paul, der, anders als die alt gewordene Luisa, die Senta Berger spielt, erst mal nicht reden will und auch nicht reden kann. Die beiden Protagonisten sind dann auch die Pole, wie man mit dem Erlebten im weiteren Leben fertig oder eigentlich eben auch nicht fertig wird, Herr Wensierski?

PETER WENSIERSKI: Eigentlich werden beide nicht fertig, das wird deutlich. Auch Senta Berger als Schauspielerin sagt im Film, dass sie immer wieder nachts aufwacht, schweißgebadet, immer wieder die Bilder vor Augen hat von damals. Und Matthias Habich, der einen, ja, in sich gekehrten, verschlossenen, traumatisierten 60-Jährigen spielt - genau diese Leute gibt es auch, die nichts mehr davon wissen wollen. Die auch nicht glauben, dass der Rest der Menschheit versteht, was sie erlebt haben. Diese Folter teilweise. Und der Film zeigt, was geschehen ist, welches dunkle Kapitel wir haben in der Erziehung in Deutschland von Kindern.

Und ich denke, jeder, der mit Kindern heute zu tun hat, sollte sich das anschauen, wie lange bestimmte Dinge, die bei Kindern geschehen, im Leben eine Rolle spielen und auch wirklich Teile der Persönlichkeit vernichten können. Das wird durch die Schauspieler, glaube ich, ganz gut rübergebracht. Und deshalb zeigt der Film ja auch die 15-, 16-Jährigen damals, 1964, wie sie als Jugendliche das erlebt haben, als sie ins Heim eingesperrt wird, die Luisa in dem Film eben nur, weil die Mutter krank geworden ist und sie keinen Vater hatte und das Vormundschaftsgericht gesagt hat: Ab ins Heim.

ULRIKE TIMM: Frau Stoll, die Luisa hat es zumindest verarbeitet am Ende, ein wenig.

ANDREA STOLL: Ja, mir war wichtig bei der Auswahl des Stoffes und bei der Entwicklung der Figuren, dass es tatsächlich Menschen gibt, und das weiß auch die Traumaforschung, denen Reden ein Stück weit helfen kann. Es kann nicht heilen, aber es kann helfen, überhaupt weiter leben zu können. Es gibt aber auch Menschen, für die ist das Schweigen der bessere Weg. Die kommen besser durchs Leben, wenn sie die Dinge nicht aussprechen. Und diesen Kampf, wie gehe ich mit dem um, was mich so bedrückt, das ist auch der Kampf zwischen unserem Paar, Luisa und Paul, und das ist auch exemplarisch für die Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben.

ULRIKE TIMM: Herr Wensierski, was haben denn die ehemaligen Heimkinder, die heute so alt sind wie Luisa und Paul im Film, was haben die denn zu dem Film gesagt?

PETER WENSIERSKI: Die, die ihn bisher schon gesehen haben, waren sehr berührt und sehr bewegt. Und es flossen auch Tränen, und sie haben sich auch wiedererkannt. Aber sie haben auch gesagt, das ist ein Film, und das, was wir in der Realität erlebt haben, das war oft noch viel härter. Da gibt es auch Dinge, die kann man einem Publikum kaum zumuten, die diese Kinder erlebt haben. Und dennoch, denke ich, ist es wichtig, dass vor einem Millionenpublikum noch mal das gezeigt wird, was passiert, wenn alle wegschauen. Der Film heißt ja nicht umsonst "Und alle haben geschwiegen".

Es ist auch eine Aufgabe, denke ich, für die Journalisten und für die Öffentlichkeit, eben hinzuschauen, auch heute überall hinzuschauen, auch da, wo Institutionen vielleicht verschlossener sind. Seien es die Altersheime, seien es Jugenderziehungsheime, seien es andere Institutionen. Es geschehen sonst Dinge hinter den Mauern, die letzten Endes für die Gesellschaft und für die Menschen ganz schlimm sind und Leben zerstören können.

ULRIKE TIMM: Es gibt heute eine eher symbolische kleine Entschädigung für die Opfer, 300 Euro für jeden Monat Zwangsarbeit, aber gerade in den letzten Tagen kamen Meldungen, wonach jenseits des ziemlich publikumswirksamen Runden Tisches [ Heimerziehung ] von 2010 nicht viel geschehen sei. Insbesondere von Kirchenseite aus sei nicht viel geschehen. Was hören Sie denn von Ihren Gesprächspartnern, wie erleben denn die Opfer dieser Heimerziehung die Reaktion der Kirchen heute?

PETER WENSIERSKI: Es sind einige wenige zufrieden und viel zu viele unzufrieden, und zwar zu Recht unzufrieden, weil das Geschehene nicht wiedergutgemacht werden kann. Auch nicht durch Geld, und die Summen, die jetzt zur Verfügung stehen, vielleicht 3.000, vielleicht 5.000 Euro pro Person, sind da, ja, eine kleine Linderung, eine kleine Geste, aber nicht wirklich eine Wiedergutmachung für das, was in der Jugend zerstört wurde.

Viele hatten wirklich keine Chance mehr im Leben. Durch mangelnde Bildung, durch dieses Zerstören des Selbstbewusstseins, ja, durch das Zerstören der Person auf die Füße zu kommen, und haben wirklich - sind ihrer Chancen im Leben wirklich beraubt worden. Ich habe nicht umsonst geschrieben, das ist das größte Unrecht im Rechtsstaat, in der Bundesrepublik, das an Kindern und Jugendlichen nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hat. Zumindest, sagen sie, dass die Öffentlichkeit jetzt hergestellt worden ist, dass es so einen Film gibt, dass so prominente Schauspieler Heimkinder spielen, Heimkinder, die also bis vor Kurzem ja gar nicht, also bis ich die Recherchen angefangen hatte für das Buch, gar nicht existierten in der Gesellschaft, gar nicht wahrgenommen wurden, das finden sie schon einen großen Fortschritt. Aber das Geschehene kann damit nicht rückgängig gemacht werden.

ULRIKE TIMM: Peter Wensierski schrieb das Buch "Schläge im Namen des Herrn", Andrea Stoll hat das Drehbuch zum Film "Und alle haben geschwiegen" geschrieben, der heute Abend ab 20 Uhr 15 im ZDF zu sehen ist. Matthias Habich und Senta Berger sind als Schauspieler dabei. Herr Wensierski und Frau Stoll, vielen Dank fürs Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Und alle haben geschwiegen" - der ZDF-Fernsehfilm der Woche

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Betroffene zum ZDF-Spielfilm "Und alle haben geschwiegen".

Beitragvon Martin MITCHELL » Do Jun 13, 2013 1:48 am

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Öffentliche Interview mit der österreichisch-deutschen Schauspielerin Senta Berger ( Jg. 1941 ). ( Siehe auch über sie und ihre Filme und Theateraufführungen WIKIPEDIA @ http://de.wikipedia.org/wiki/Senta_Berger ).

EIN ERSTES INTERVIEW MIT SENTA BERGER:

rtv ( rtv media group GmbH - Nürnberg ) @ http://www.rtv.de/artikel/20814/interview-mit-senta-berger.html

[ 26.03.2013 ]

Interview mit Senta Berger

Und alle haben geschwiegen

Im Drama "Und alle haben geschwiegen" spielt Senta Berger am kommenden Montag eine Hauptrolle. Der Film von Dror Zahavi schildert das Schicksal von Heimkindern aus den 60er-Jahren, die von ihren Erziehern misshandelt wurden. Als Erwachsene wollen sie nun Gerechtigkeit.

Interview: ROBERT NEHR

ROBERT NEHR: Bei der Premiere von „Und alle haben geschwiegen“ in München herrschte im Publikum Schweigen, die Fassungslosigkeit war greifbar. Was löst das in Ihnen als Mitwirkende aus, wenn Sie solche starken Emotionen direkt miterleben?

SENTA BERGER: Es klingt vielleicht befremdlich, wenn ich sage: Befriedigung. Damit will ich sagen, wir waren davon überzeugt, dass die Geschichte der vergessenen Heimkinder erzählt werden muss und wir waren davon überzeugt, dass der Film Fassungslosigkeit und Mitgefühl auslösen würde - wenn er gelingt. Nach dieser Vorstellung in München haben wir gesehen, dass der Film die Menschen nicht nur erreicht, sondern auch gepackt hat.

ROBERT NEHR: In „Und alle haben geschwiegen“ spielt Alicia von Rittberg die junge Luisa. Gestaltet sich die Zusammenarbeit intensiver, tauscht man sich mehr aus, wenn man die gleiche Person in verschiedenen Lebensabschnitten spielt?

SENTA BERGER: Ich hatte wenig Gelegenheit mit Alicia zu sprechen. Als Matthias Habich und ich unsere Arbeit begonnen haben, war der Teil des Films, der uns in die Vergangenheit zurückführt, bereits abgedreht. Die Produktion hatte mir eine DVD von den bereits gedrehten Szenen geschickt und ich konnte mir ein Bild von der jungen Luisa machen, so wie Alicia sie gespielt hat.

ROBERT NEHR: Was halten Sie von den beiden jungen Hauptdarstellern Alicia von Rittberg und Leonard Carow?

SENTA BERGER: Ich bin von beiden begeistert und beeindruckt. Es ist einfach schön zu sehen, wie kraftvoll und mutig, wie zart und scheu beide spielen. Zwei ganz große Talente.

"Wer bin ich schon?"

ROBERT NEHR: Luisa kann in „Und alle haben geschwiegen“ nach langen Jahren ihre schlimmen Erfahrungen verarbeiten. Warum dauert es so lange, bis sie damit an die Öffentlichkeit geht?

SENTA BERGER: Ja, warum dauert es so lange, bis man sprechen kann? Warum dauert es so lange, bis man es wagt an die Öffentlichkeit zu gehen? Genau weiß ich es nicht. Ich denke, da spielt auch das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit, die einem als Kind, als Jugendlicher vermittelt worden ist, ein Rolle. Wer bin ich schon? Wer wird mich hören? Schon als Kind hat keiner mir zugehört. Mit den Jahren, so stelle ich mir es vor, kann man aus einer Distanz erst das ganze Ausmaß der Schäden erkennen, der Beschädigungen, die man fürs Leben davongetragen hat. Und dann, die Dokumente über die Heimkinder in kirchlich geprägten Institutionen sind lange, lange unter Verschluss gehalten worden. Erst jetzt mit der gesellschaftlichen Debatte über Missbrauch von Jugendlichen in überwiegend katholischen Einrichtungen haben die ehemaligen Heimkinder ein Sprachrohr in Peter Wensierski, dem „Spiegel“-Journalisten und in Antja Vollmer, der Vorsitzenden des Ausschusses [ d.h. des Runden Tisches Heimerziehung ], der gegründet worden ist ,um den Menschen mit dieser Vergangenheit eine Stimme zu geben.

ROBERT NEHR: Der Film beschreibt auch die ausweglose Lage der Heimbewohner. Sie haben niemanden, an den sie sich wenden können, der ihnen zuhört. In der Presseinfo zum Film werden Sie zitiert: „Die heutigen Kontrollen greifen auf eine effizientere Art“. Halten Sie eine solche Lage wirklich für ausgeschlossen?

SENTA BERGER: Für ausgeschlossen halte ich es nicht. Es gibt immer Menschen, die ihre Macht missbrauchen, und sei ihre Position noch so unbedeutend. Es gibt immer Menschen, die anderen Gewalt antun. Aber es gibt zum Beispiel keine Prügelstrafe mehr. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Schlagen mit dem Lineal, an den Ohren ziehen - das waren bis in die 60er Jahre hinein völlig legale Erziehungsmittel. Schweden - glaube ich - war das erste Land, dass in den 60ern oder erst Anfang der 70er ein Gesetz erließ, dass Schläge in Schulen, aber auch im elterlichen Zuhause unter Strafe stellte. Ich glaube, dass die Jugendlichen heute ein anderes Selbstbewusstsein haben und die Pädagogen ein anderes Verständnis für ihren Beruf. Ich glaube, dass die gesellschaftlichen Strukturen andere sind und wir heute auf mehr Offenheit und Transparenz setzen können als noch vor Jahrzehnten in Deutschland.

ROBERT NEHR: Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, unter anderem dem Buch von Peter Wensierski. In den 2000ern kam die Problematik an die Öffentlichkeit. Haben Sie das Thema schon damals verfolgt? Wie kamen Sie damit in Kontakt?

SENTA BERGER: Ich habe schon damals Auszüge aus dem Buch gelesen und zufällig einen oder zwei Dokumentarfilme über das Thema gesehen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

"Er hat so schöne Augen"

ROBERT NEHR: Haben Sie sich bei den Vorbereitungen auf die Rolle auch mit einstigen „Heimkindern“ ausgetauscht?

SENTA BERGER: Nein, dazu hatte ich keine Gelegenheit. Es wäre sicherlich eine interessante Begegnung, mehr als interessant, aber für meine schauspielerische Arbeit wäre es nicht ausschlaggebend gewesen.

ROBERT NEHR: Mit welchen Erwartungen gingen Sie an die Arbeit mit Regisseur Dror Zahavi? Wie war die Arbeit mit ihm?

SENTA BERGER: Ich hatte schon von Kollegen viel von Dror Zahavi gehört und tatsächlich hatte die Produktion von „Unter Verdacht“ ihm bereits die Regie zu einer Folge meiner Reihe angeboten. Ich war also neugierig auf ihn. Wir haben uns sehr gut verstanden. Dror arbeitet sehr ernsthaft, sehr genau. Ich mag das. Und er hat so schöne Augen.

ROBERT NEHR: Welches Projekt steht gerade bei Ihnen an? An welchem Film werden Sie demnächst arbeiten?

SENTA BERGER: Ich werde einen Film mit Jan Schuette machen. Es geht um das sogenannte „Speed-Dating“ und in diesem Fall dreht es sich um bereits ältere Leute. Mario Adorf wird einer meiner Partner sein. Und dann werde ich im April eine neue Folge für „Unter Verdacht“ drehen. Dann werde ich sehen, was das Jahr sonst noch bringt.

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