Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten (NRW)

Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten (NRW)

Beitragvon Martin MITCHELL » Di Jul 23, 2013 6:37 am

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Das Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten-Holsterhausen, im Verantwortungsbereich des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster [LWL]


Am 15. März 2013 veröffentlichte Dr. Helmut Frenzel (drf) auf seiner Internetplattform ( die er zusammen mit Wolf Stegemann (W. St.) betreibt ) »DORSTEN transparent« einen langen und detaillierten Artikel zur Geschichte des Areals in Dorsten, wo sich auch einmal über einen längeren Zeitraum das Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" befand.

Dieser Artikel ist betitelt »Der Kreskenhof in Holsterhausen: Römerlager – Fischereihof – ausgewanderte Familie Kresken – Keramitwerk – Landeserziehungsheim – moderne Wohnsiedlung« und er ist hier zu finden @ http://www.dorsten-transparent.de/2013/03/der-kreskenhof-in-holsterhausen-romerlager-%E2%80%93-fischereihof-%E2%80%93-ausgewanderte-familie-kresken-%E2%80%93-keramitwerk-%E2%80%93-landeserziehungsheim-%E2%80%93-moderne-wohnsiedlung/

Ein relevanter meinerseitiger Auszug aus diesem langen Artikel ist folgender:

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Fürsorgeerziehung für den industriell geprägten Arbeitsmarkt

Der Versuch des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in den 1950er-Jahren, in den ehemaligen Gebäudeanlagen Maria Lindenhof (später abgerissen) ein Landeserziehungsheim einzurichten, wo es schon mal gewesen war, scheiterte. Denn durch die Lage „am nördlichen Rand des Ruhrgebiets“ sollte ein Ausbildungsort „in der eisenschaffenden und eisenverarbeitenden Industrie“ ermöglicht werden (LWL-Tätigkeitsbericht 1956-60). Damit trug der LWL der bereits 1920 erhobenen Forderung Rechnung, Fürsorgeerziehung am industriell geprägten Arbeitsmarkt zu orientieren. Da Dorsten scheiterte, wurden die Arbeits-Anstalten Benninghausen und Maria Veen weiterhin mit „normalen“ Fürsorgezöglingen belegt. 1958 wurde Maria Veen aufgelöst und die 50 Jugendlichen von dort nach Benninghausen gebracht. Das erhöhte die Spannung im sowieso schon problembehafteten Arbeitshaus Benninghausen. Dorsten-Holsterhausen bot die Lösung zur Entspannung der Situation. Auf dem Areal Kreskenhof wurde im Herbst 1965 ein Neubau erstellt [ Landeserziehungsheim Kreskenhof ], so dass sich die Verhältnisse in Benninghausen durch Belegung des Dorstener Heims verbesserten. Moderne Zimmer (keine Schlafsäle mehr), Unterricht, Theaterspiel und Chorprojekte, auch eine heimeigene Beatband sowie eine eigene Küche wurden eingerichtet. Die Jugendlichen besuchten die Schulen in Dorsten und hatten die Möglichkeit, in Werkstätten auf dem Heimgelände zu lernen. Nach Fertigstellung eines Anbaus konnten 70 Jugendliche, darunter auch Mädchen, untergebracht werden. Durch eine immer kritischer werdende Sichtweise auf die praktizierten Fürsorge-„Erziehungskampagnen“ und die Etablierung der „Jugendhilfe“ sank die Zahl der so genannten Fürsorgezöglinge zwischen 1965 und 1975 von 4.000 auf 900. Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz verschwand 1990 das inzwischen zur Bedeutungslosigkeit geschrumpfte Instrumentarium der Fürsorgeerziehung, die um das Jahr 1900 große Erwartungen an dieses Gesellschaftsexperiment geweckt hatte und so ein unspektakuläres Ende fand.

Himmlers Erlass von 1943 galt noch in der Bundesrepublik

Schon 1938 eröffnete der Provinzialverband [ die Vorgängerbehörde des heutigen LWL ] ein Aufnahmeheim in den Gebäuden von Maria Lindenhof, um sämtliche Fürsorgezöglinge aus Westfalen in Westfalen in Dorsten unter erbbiologischen, geistigen und charakterlichen Gesichtspunkten zu erfassen und zu bewerten. Nach Kriegsbeginn wurde dieses Heim geschlossen, um es als Lazarett zu verwenden. In Benninghausen unterhielt der Provinzialverband ein Arbeitshaus, das der Verband im Sommer 1945 von den Amerikanern zurückerhielt, um Benninghausen mit dem Arbeitslager Maria Veen zusammenzulegen. Arbeitshäuser waren eine Instrument, das aufgrund des 1943 von SS-Reichsführer Heinrich Himmler erlassenen Befehls geschaffen wurde, um vagabundierende Jugendliche einerArbeitserziehungin Westfalen zu unterwerfen. Der Inhalt dieses Himmler-Erlasses wurde von den Behörden in der Bundesrepublik anfangs beibehalten. Das belegt auch die Gründe, warum Jugendliche der Erziehung in der Familie entzogen und in kirchliche oder staatliche Heime eingewiesen wurden, wie in das Landeserziehungsheim Kreskenhof: Die Anlässe dazu sind aufgelistet: Stehlen 37,2 Prozent, geschlechtliche Ausschweifung 23,2 Prozent, Arbeitsbummelei 26,2 Prozent, Herumtreiberei 45,6 Prozent, Lügen 23,6 Prozent, Unsauberkeit 16,2 Prozent und Polizeiauffällig geworden 21,9 Prozent. Der prozentuale Anteil der Mädchen war bedeutend höher, manchmal doppelt oder dreimal so hoch. Verschwiegen werden darf aber nicht, dass 14 Prozent aller Jugendlichen im Umfeld der Familie misshandelt und 9 Prozent sexuell missbraucht worden waren (Mädchen 80 Prozent, davon 21 Prozent in der Familie), was als Folge die sofortige Herausnahme aus den Familien nach sich zog. Etwa Zweidrittel der Kreskenhof-Jugendlichen stammte aus dem Arbeitermilieu, 20 Prozent von ihnen gaben als Beruf des Vaters „Bergmann“ an. Nur zwei Prozent stammten aus bürgerlichen Familien.

Ohrfeigen und Prügelstrafen trotz ministeriellen Verbots

Trotz der verbesserten Rahmenbedingungen und neuen pädagogischen Möglichkeiten standen Probleme mit der Disziplin weiterhin im Vordergrund. Grund war auch, dass der Heimleiter des verrufenen Arbeitshauses Benninghausen, Heinz Stoltz, nach Auflösung von Benninghausen bis Ende der 1970er-Jahre in Dorsten tätig gewesen war. Obwohl der NRW-Sozialminister bereits 1947 und 1950 zwei Erlasse herausgegeben hatte, in denen er die körperliche Züchtigung von Mädchen und Jungen jeden Alters in den Heimen untersagte, war Prügelstrafe im Kreskenhof – wie in der damaligen Gesellschaft auch – weitgehend noch akzeptiert. Zumindest bis Anfang der 1970er-Jahre gab es im Kreskenhof noch Ohrfeigen und Stockschläge. Dazu der frühere Erziehungsleiter und stellvertretende Heimleiter des Landeserziehungsheims Kreskenhof Göhlich am 18. Dezember 2012: „Die Erziehungsmethoden bis weit in die 60er Jahre waren durchaus nicht immer gewaltfrei, aber nicht nur in der Heimerziehung, sondern auch in allen pädagogischen Institutionen und Familien.“ Allerdings widerspricht er sich selbst im nächsten Satz, wenn er schreibt: „Sie (der Verfasser) sagen aus, dass sich „niemand“ nach dem Ministererlass an das Prügelverbot gehalten hat. Das ist im höchsten Maße unwahr. Die Heimerziehung unterlag immer schon der Kontrolle der oberen Jugendbehörden.“ Wegen der Zustände im Landeserziehungsheim Kreskenhof kam es 1972 zu einer Demonstration und zu einer versuchten Heimbesetzung durch die „Sozialpädagogische Sondermaßnahme Köln“ (SSK), um die Zustände im Dorstener Heim anzuprangern.
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Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten (NRW)

Beitragvon Martin MITCHELL » Di Jul 23, 2013 7:10 am

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Das Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten-Holsterhausen, im Verantwortungsbereich des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster [LWL]


Am 19. Juli 2013 habe ich dann selbst folgenden auf eigene diesbezügliche Recherchen bassierenden Leserkommentar zu diesem von mir im vorhergehenden Beitrag zitierten Artikel-Auszug bei »DORSTEN transparent« abgegeben:

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Martin MITCHELL sagt:

19. Juli 2013, um 15:52

LESERKOMMENTAR von dem Australier Martin MITCHELL, Ehemaliges Heimkind Jg. 1946, seinerseits getätigt bei DORSTEN-Transparent.de @ http://www.dorsten-transparent.de/2013/03/der-kreskenhof-in-holsterhausen-romerlager-%E2%80%93-fischereihof-%E2%80%93-ausgewanderte-familie-kresken-%E2%80%93-keramitwerk-%E2%80%93-landeserziehungsheim-%E2%80%93-moderne-wohnsiedlung/ am 19. Juli 2013 [ ein LESERKOMMENTAR zu einem längeren kürzlich dort veröffentlichten diesbezüglichen Artikel ]:
Das Landeserziehungsheim "KRESKENHOF" in Dorsten-Holsterhausen, im Verantwortungsbereich des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster [LWL], wurde 1965 in Betrieb genommen. Der unter den vielen, vielen verschiedenen von den damals dort festgehaltenen Jugendlichen verrichteten gewinnbringenden und gewinnmaximierenden Produktionsarbeiten und Herstellungsaktivitäten – ALLES UNENTLOHNTE ZWANGSARBEIT IN DER PRODUKTION VON VERBRAUCHSGÜTERN UND LEBENSMITTELN ! – mussten u.a. damals dort im "KRESKENHOF" auch massenhaft und im Akkord Holzpaletten für MONIER BRAAS GmbH in Oberursel/Taunus ( „BRAAS - Dachziegel- und Eternitplatten-herstellung und -verwertung“ ) gefertigt werden und, ohne Atemschutz, asbesthaltige Eternitplatten hantiert und zurechtgeschnitten werden --- und dies auch noch Mitte bis Ende der 1970 Jahre !
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